„Pornografische Serie“

Streit um Kunst und Religion: Offenbacher orthodoxe Christen empört über Ausstellung

Kunst oder Ikonenschändung: Die „pornografische Serie“ von Christine Metzner sorgt bei manchen Besuchern für Wut und Entrüstung.
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Kunst oder Ikonenschändung: Die „pornografische Serie“ von Christine Metzner sorgt bei manchen Besuchern für Wut und Entrüstung.

In Offenbach sorgen einige Kunstwerke, die im „Superladen“ ausgestellt werden, für Kritik. Besonders orthodoxe Christen fühlen sich durch die Werke verletzt.

Offenbach - „Wer interessieren will, muss provozieren“, sagte Salvador Dalí. Wo die Grenzen von Kunst und Kunstfreiheit verlaufen, ist aktuell in Offenbach eine Frage. Denn im jüngst eröffneten „Superladen“ der Wirtschaftsförderung, in dem Künstler ihre Werke zum Verkauf anbieten, sind einige Objekte dabei, die auf viel Kritik stoßen: Besonders orthodoxe Christen fühlen sich durch knapp ein Dutzend Werke der Designerin Christine Metzner verletzt.

Denn die von ihr als „Pornografische Serie“ betitelten Werke zeigen Ikonen, auf die mit Bügelperlen teils frivole, teils pornografische Abbildungen angebracht wurden. Geschlechtsteile oder Fellatio sind aus den bunten Plastikperlen geformt und auf den Ikonen angebracht.

Aufregung um Kunstwerke in Offenbach: Konflikt schon vor Ausstellungseröffnung

Das Problem: Für orthodoxe Christen sind Ikonen keine Bilder – die Heiligen selbst sind für sie in ihnen präsent (siehe Kasten) Eine Schändung mag für Gläubige so skandalös wie etwa eine Koranverbrennung für Muslime sein.

Wenig verwunderlich, dass es bereits vor Ausstellungseröffnung zum Konflikt kam: Die Stadtverordnete Zacharoula Bellou, selbst Mitglied der griechisch-orthodoxen Gemeinde, die in direkter Nachbarschaft zum Superladen ihren Friseursalon betreibt, wurde von Kunden und Gemeindemitgliedern auf die Ausstellungsstücke angesprochen, da diese von der Straße aus zu sehen waren. „Ich habe das Gespräch mit der Künstlerin gesucht und gefragt, was sie sich dabei gedacht hat und gebeten, die Ikonen abzuhängen“, sagt sie. Man einigte sich schließlich darauf, die Ikonen der „pornografischen Serie“ in einem Raum aufzuhängen, der nicht von der Straße einsehbar ist.

Ausstellungseröffnung in Offenbach: Besucher entsetzt und wütend – „Gewisse Grenzen sind einzuhalten“

Bei der Ausstellungseröffnung besuchten dann mehrere Mitglieder der griechisch-orthodoxen Gemeinde den Superladen. Diese zeigten sich entsetzt und wütend über den Umgang mit den Ikonen. Dass Ikonen für orthodoxe Christen einen besonderen Stellenwert haben und für sie keine Bilder sind, habe die Designerin überrascht, wird übereinstimmend berichtet.

„Das sind für uns keine 08/15-Bilder, sondern sie werden verehrt – Kunstfreiheit schön und gut, aber gewisse Grenzen sind einzuhalten“, sagt Spyridon Bellos, Mitglied dergriechisch-orthodoxen Gemeinde. Zudem frage er sich, weshalb, wenn es um das Verhältnis von Sexualität und Religion gehe, nur Symbole der Orthodoxie gezeigt würden. Denn sexueller Missbrauch sei eher in der römisch-katholischen Kirche verbreitet, die Orthodoxie kennt auch das Zölibat nicht.

Allerdings fallen orthodoxe Kirchenführer gerade im Osten Europas immer wieder mit Hetze gegenüber Homosexuellen auf oder sorgen mit skurrilen Äußerungen für Verwunderung: So hatte im vergangenen Jahr ein ukrainischer orthodoxer Kirchenführer die Homo-Ehe für das Corona-Virus verantwortlich gemacht.

Offenbach: Organisatorin äußert sich zu umstrittenen Kunstwerken

Superladen-Organisatorin Anja Hantelmann sagt, dass auch sie von den sexuellen Motiven überrascht gewesen sei, da Metzner anfangs nur Ikonen mit nicht-sexuellen Motiven gezeigt hätte. „Es ist ihre erste Ausstellung und sie sagte dann, dass sie auf das Spannungsfeld von Sexualität und Religion hinweisen möchte.“ Das Frauenbild, das da gezeigt werde, liege ihr auch nicht unbedingt, sagt Hantelmann.

Griechisch-orthodoxe Gemeindemitglieder berichten, dass die Designerin bei der Ausstellungseröffnung keine Erklärung zu ihrer Intention geliefert habe – erst später habe es einen ausformulierten Text gegeben. Diesen hat Metzner – mit kleinen Veränderungen – auch auf Anfrage unserer Redaktion zukommen lassen.

Offenbach: Orthodoxe Christen empört über Ausstellung: Designerin wollte provozieren, aber nicht verletzen

Sie räumt ein, dass die alleinige Nutzung orthodoxer Symbole eine berechtigte Kritik sei – in ihrer Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau oder der Sexualmoral seien jedoch alle christlichen Kirchen, der Islam und das Judentum gemeint. Denn dort würden Frauen unterdrückt und von bestimmten Ämtern ausgeschlossen, zudem werde Sexualität (besonders außereheliche) dämonisiert. Die Ikonen seien für sie eine Metapher für sämtliche Religionen. Metzner betont, dass sie zwar provozieren, aber niemanden verletzen wollte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Thematik Religion und Sexualität müsse aber erlaubt sein. Wie heftig manche Kritik am Eröffnungsabend gewesen sei, habe sie aber überrascht.

Allerdings fiel auch die Reaktion einzelner Besucher, die die Kunstfreiheit verteidigen wollten, heftig und ungebührlich aus: Bellos berichtet, dass ihn ein Besucher, da er dessen Meinung, dass Ikonen bloße Bilder seien, nicht teilte, als „zurückgebliebener Ausländer“ beschimpft habe.

Ikonen im orthodoxen Christentum

Das Wort Ikone stammt vom griechischen Wort „eikon - Bild“ ab. Es steht für die sakrale Kunst des orthodoxen Christentums. Ikonen sind in der Orthodoxie nicht bloße Bilder, sondern verehrungswürdige Vergegenwärtigungen Christi, der Trinität, Mariens, der Heiligen oder der Engel. Sie repräsentieren nicht das Anbetungswürdige, sondern präsentieren es: das Heilige ist für die Gläubigen in den Ikonen präsent. Daher ist in der Orthodoxie ein respektvoller Umgang mit ihnen vorgeschrieben. Ikonen werden durch Kniefall, Kuss oder Kerzen geehrt, angebetet dürfen sie jedoch nicht werden. Im Katholizismus erfüllen die Reliquien eine ähnliche Form wie die Ikonen der Orthodoxie. Material, Farben und die Art der Darstellung folgen bei Ikonen einem strengen Regelwerk. Die für moderne Sehgewohnheiten ungewöhnliche Perspektive und Zweidimensionalität der Darstellung sind beabsichtigt: Ein Heiliger etwa soll somit nicht abgebildet werden, sondern im Bildnis ist das Heilige gegenwärtig. Im Christentum des achten und neunten Jahrhunderts entfachte ein Streit um die Verehrung von Bildnissen – die Ikonoklasten (Bilderzerstörer) wandten sich gegen Anbetung und Verehrung von Bildnissen. Erst 843 konnte der Streit beigelegt werden, die Verehrung wurde im byzantinischen Reich wieder gestattet, im westlichen Christentum wurde die Bilderverehrung weitgehend abgelehnt. 

Offenbach: Kunst im Superladen provoziert einige Besucher

Das nicht zu lösende Spannungsfeld zwischen Kunst- oder die Religionsfreiheit ist im Superladen nun präsent: Tiefreligiöse Gefühle treffen auf abstrakt-säkulare Kunstbegrifflichkeiten – mit einem differenzierteren Umgang im Vorfeld und dem Wissen um die Bedeutung der verwendeten Ikonen wäre es wohl nicht eskaliert.

„Es ist legitim, Sexualität und Religion in der Kunst zu thematisieren“, sagt Hantelmann, „man kann es tun, muss dann aber auch die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden führen und diese aushalten.“

„Kunst darf provozieren“, in Anlehnung an Dalí. Dies ist der Designerin und auch den Machern des Superladens sicher gelungen. Die im Laden geäußerte Furcht, dass die Werke der übrigen Künstler nun in den Hintergrund treten, ist sicher übertrieben: Wohl eher dürfte mit mehr Besuchern gerechnet werden, die ihren Weg in den Laden finden und dort diskutieren – nur ohne Beschimpfungen. (Frank Sommer)

Um Kunst geht es auch in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Bei einem Rundgang zeigte sich, womit sich die Studierenden seit der Pandemie auseinandergesetzt haben - und er führt an einen besonderen Ort.

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