Nicht die Zeit für ein fröhliches Fest

Offenbacher Pfarrei St. Josef wird am 1. April 100 Jahre alt

Idyllisch am Friedrichsweiher gelegen ist die Kirche von St. Josef. Auch zum 100. Jubiläum bleibt es ruhig, pandemiebedingt wird vorerst nicht gefeiert.
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Idyllisch am Friedrichsweiher gelegen ist die Kirche von St. Josef. Auch zum 100. Jubiläum bleibt es ruhig, pandemiebedingt wird vorerst nicht gefeiert.

100 Jahre ist es her, als sich in der aufstrebenden Industriestadt Offenbach immer mehr Menschen im Gebiet südlich der Main-Bebra-Bahnlinie niederließen und die Pfarrei St. Paul aus allen Nähten platzte. So errichtete sie auf einem Grundstück am Friedrichsweiher für 35 000 Mark innerhalb von sechs Monaten eine Notkapelle – und gründete am 1. April 1921 die Pfarrei St. Josef. 4871 Seelen zählten zum neuen Bezirk. Der erste Pfarrer wurde der Kaplan von St. Paul, Peter Helmig.

Offenbach – Heute ist Michael Kunze, vielen auch als langjähriger Offenbacher Dekan bekannt, der mittlerweile siebte Pfarrer der Gemeinde. Die Notkapelle wurde 1932 durch eins der größten Gotteshäuser der Stadt ersetzt – die Josefskirche mit ihren beiden prägnanten Türmen. Wie in nahezu jeder Pfarrei werden die Mitglieder weniger – sie zählt aber immer noch 4140. „Doch viele junge Familien ziehen weg in den Speckgürtel“, bedauert Kunze. Trotzdem bleibt die Jugendarbeit eine der tragenden Säulen: Gruppenstunden, Zeltlager, verschiedene Aktionen, das über die Grenzen der Stadt bekannte Aushängeschild Junger Chor St. Josef – all das zeichnet das Gemeindeleben aus. Wenn nicht Corona ist...

Dass das Jubiläum ausgerechnet in die Pandemie fällt, bedauert der Pfarrer ebenso wie die langjährige Gemeindereferentin Heike Wurzel und Pfarrsekretärin Franziska Kaschky. An eine angemessene Feier ist nicht zu denken. Ist sowieso schon stark eingeschränkt, was Kirche sonst bedeutet: die Gemeinschaft im Glauben, das Miteinander, die Nähe. „Das Singen, die Gespräche nach den Gottesdiensten, die Besuche der Jubilare – all das fehlt sehr“, sagt Kunze.

Der reduzierte Kontakt kommt zu einer ohnehin schwierigen Zeit für die katholische Kirche hinzu. Ob Missbrauch oder die Absage des Vatikans zur Segnung homosexueller Paare: „Wann immer solche Themen auftauchen, macht sich das an Austritten bemerkbar. Leider auch bei uns“, weiß der Pfarrer. Er scheut sich nicht, diese Themen in Gottesdiensten anzupacken. „Die Grundfrage ist doch immer: Wie hätte Jesus gehandelt? Er hätte bestimmt niemanden weggeschickt, der um Segen bittet.“

Er wünscht sich, dass es der Kirche gelingt, ihre Botschaft, die Kraft des gemeinsamen Glaubens, wieder stärker in die Gesellschaft zu bringen – und gehört zu werden. Eine weitere Zukunftsaufgabe, gerade in Offenbach, sei eine verwaltungsmäßige Veränderung. Zudem müsse der „Pastorale Weg“, auf den sich das Bistum Mainz begeben hat, umgesetzt werden: „Was brauchen die Menschen? Und wie bekommen sie das von uns?“

Vor der Figur des heiligen Josef von Nazareth (von links): Pfarrsekretärin Franziska Kaschky, Pfarrer Michael Kunze, Gemeindereferentin Heike Wurzel.

Die Leute zu erreichen sei jetzt besonders wichtig. „Kinder haben seit einem Jahr keine Gruppenstunden, Erwachsene können Gottesdienst im Fernsehen schauen und dabei noch Kaffee trinken. Wie bekommen wir sie wieder zu uns?“, fragt sich Kunze. Der Kirche gehe es da nicht anders als vielen Vereinen.

Schon das 75. Jubiläum wurde nicht am eigentlichen Geburtstag, dem 1. April, gefeiert. Denn im Jahr 1996 fiel dieser auf einen Karmontag. Das sei, fand der damalige Gemeindepfarrer Hans-Peter Weindorf, nicht die Zeit für ein fröhliches Fest. Es wurde auf Ende Juni verschoben.

So bald wird man den 100. Geburtstag diesmal nicht nachfeiern können, das ist allen klar. Vielleicht nicht mal in diesem Jahr. Kunze: „Ein großes Fest ist nicht innerhalb von zwei Tagen geplant. Aber vielleicht können wir 101 Jahre ordentlich feiern...“ (Von Veronika Schade)

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