Corona-Lage im Krankenhaus

Corona: Immer öfter junge Menschen in Behandlung – Chefarzt aus Offenbach appelliert an Bürger

Immer mehr jüngere Menschen müssen wegen einer Corona-Infektion intensivmedizinisch betreut werden.
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Immer mehr jüngere Menschen müssen wegen einer Corona-Infektion intensivmedizinisch betreut werden.

Das Sana-Klinikum in Offenbach verzeichnet einen hohen Zuwachs an Corona-Infektionen. Besonders im Hinblick auf Ostern betont der Chefarzt die Wichtigkeit der Hygieneregeln.

Offenbach - „Wenn die Patienten auf der Intensivstation deutlich jünger sind als der Arzt, dann ist das ein alarmierendes Zeichen“, sagt Dr. Haitham Mutlak, Chefarzt am Sana-Klinikum. Seit Wochen beobachtet der Leiter der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin mit Sorge die Entwicklung des Infektionsgeschehens in Offenbach: Nach den Feiertagen dürfte die Inzidenz die 300er-Marke überschritten haben, immer mehr Erkrankte benötigen zudem intensivmedizinische Versorgung.

Am Donnerstagmorgen verzeichnete das Intensivregister nur noch neun freie Intensivbetten – 78 der 87 Betten sind belegt, 22 davon mit Corona-Patienten. Acht von diesen müssen künstlich beatmet werden.

Coronavirus: Immer öfter müssen junge Menschen behandelt werden

„Die Lage ist wirklich ernst“, sagt Mutlak. War im vergangenen Jahr die Mehrheit der schwerstkranken Covid-Patienten 80 Jahre oder älter, so hat sich die Situation nun geändert: Immer öfter müssten jüngere Patienten intensivmedizinisch betreut werden. „Wir beobachten, dass wir deutlich weniger Patienten über 80 Jahren haben als vorher“, sagt Mutlak, „das Impfen schein somit Wirkung zu zeigen.“

Doch im Gegenzug müssen mehr Patienten zwischen 40 und 60 Jahren auf der Intensivstation behandelt werden. „Wir haben mehr jüngere Patienten mit schweren Beeinträchtigungen der Lungenfunktion“, sagt er. Die Patienten hätten einen hohen Sauerstoffbedarf, da der eigene Körper diesen durch die Erkrankung nicht mehr gewährleisten kann. „Wir versuchen so lange wie möglich nichtinvasiv zu behandeln, also keine Schläuche in die Luftröhre zu geben“, sagt er, die künstliche Beatmung solle die letzte Option sein.

Zuführung von Sauerstoff bei der Corona-Therapie im Krankenhaus in Offenbach

So lange wie möglich setzt Mutlaks Team aus knapp 100 Medizinern und Pflegekräften auf die High-Flow-Therapie, bei der die Patienten mittels Nasenbrillen Sauerstoff zugeführt wird. Wenn das nicht mehr hilft, erfolgt die künstliche Beatmung, in einigen Fällen auch die „extrakorporale Membranoxygenierung“ (ECMO), eine Art Lungenersatz.

Bei dieser Behandlung werden Schläuche in das Gefäßsystem des Patienten eingeführt und das Blut extern mit Sauerstoff angereichert. „Das ist eine Therapie, die sonst nicht so häufig zum Einsatz kommt“, sagt Mutlak, doch bei Covid-Patienten mit Lungenversagen müsste oft auf diese Behandlungsform zurückgegriffen werden. Dazu kommen anschließend die Langzeitfolgen: Schon bei früheren Lungenerkrankungen kam es oftmals in Folge zu erhebliche Einschränkungen für ein halbes oder ganzes Jahr, bei Corona sei dies nicht anders.

Sana-Klinikum in Offenbach: Strenge Hygienevorschriften auf Corona-Intensivstation

Die Schwere der Erkrankung zeige sich auch an der Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation: Bis zu 14 Tagen müssen die Patienten dort verbringen – unter strengsten Hygienevorschriften. Für das Mutlaks Team eine enorme Herausforderung.

„Ich bin unglaublich stolz auf unser Team: Alle Ärzte, alle Pflegekräfte kämpfen wirklich Tag für Tag unter Vollschutz um das Leben der Patienten“, sagt er. Vollschutz, das bedeutet, dass permanent luftdichte Kittel, Handschuhe, Masken und Visiere getragen und auch permanent gewechselt werden müssen, sobald die Pflegekräfte und Ärzte von einem Patienten zum nächsten gehen. Nicht nur planerisch sei das eine Herausforderung.

Coronavirus – Chefarzt am Sana-Klinikum in Offenbach bittet um Einhaltung von Abstandsregeln

„Man kann sich die Arbeit in der Schutzkleidung so vorstellen, als würde man Sport machen und dabei mehrere Lagen extra anhaben – das ist körperlich sehr anstrengend.“ Und auch psychisch belastend. „Aber wir haben ein gutes Team im Klinikum und können uns untereinander austauschen und Hilfe bekommen“, sagt er. Dass die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen greifen, zeige sich daran, dass es seit Beginn der Pandemie zu keiner Corona-Übertragung zwischen Patienten und Personal im Klinikum kam, berichtet Mutlak.

Angesichts der steigenden Infektionszahlen appellieren sowohl der Chefarzt wie Gesundheitsdezernentin Sabine Groß für einen besonnenen Umgang in der Krise. „Das Virus kennt weder Freunde noch Familie“, sagt Groß. Während man Fremden gegenüber Abstand halte, seien leider viele beim Umgang mit Freunden oder Familienangehörigen sorglos. „Gerade mit Blick auf die Feiertage bitte ich, sich unbedingt an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten“, sagt die Gesundheitsdezernentin.

Krankenhaus in Offenbach: Zuwachs an Corona-Infektionen und Intensivbehandlungen

Ein Appell, dem sich der Chefarzt anschließt: „Seit 10. März verzeichnen wir einen steten Zuwachs an Infektionen und wir wissen, dass es bei vielen zu Intensivbehandlungen kommen wird. Diese Entwicklung ist hochgradig beunruhigend. Uns stehen schwere Wochen bevor – ich kann nur appellieren, sich an die Hygiene- und Abstandsregeln und die Reisebeschränkungen zu halten.“

Die Hoffnung von Stadt und Medizinern ruht auf der Impfkampagne: Da seit Beginn der Impfungen immer weniger Über-80-Jährige intensivmedizinisch betreut würden, zeigen diese Wirkung. Wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft sei, sei an eine Rückkehr zur Normalität zu denken. Doch noch sei es für Sorglosigkeit zu früh. „Wir müssen uns noch weiter zusammenreißen und uns schützen“, sagt Mutlak, „denn auch wenn wir ein tolles Team auf der Intensivstation haben, muss man trotzdem nicht bei uns liegen.“ (Frank Sommer)

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