Hessenweit überdurchschnittliche Verbesserungen

Offenbacher Sozialbericht ein Silberstreifen am Horizont

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Die Karte zeigt die statistischen Bezirke mit über- und unterdurchschnittlichen SGB-II-Quoten. Wie in anderen Großkommunen auch ist das die Innenstadt – dort allerdings ist der Rückgang am höchsten.

Offenbach - Offenbach hängt das restliche Hessen bei der sozialen Entwicklung ab – und das nicht in negativer Hinsicht. Von Thomas Kirstein 

So weist der städtische Sozialbericht für 2017 zwei landesweit gegenläufige Trends aus: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen im sogenannten Leistungsbezug nimmt ab; die Quote der von staatlicher Hilfe Abhängigen sinkt, während sie im Landesdurchschnitt ansteigt. Die positiven Veränderungen betreffen allerdings weiterhin ein negatives Spitzenniveau im Landesvergleich. Da machen sich und den Bürgern die Verantwortlichen nichts vor. Bürgermeister und Sozialdezernent Peter Schneider (Grüne), Mainarbeits- und Statistik-Chef Dr. Matthias Schulze-Böing und sein Mitarbeiter Ralf Theißen bilanzieren bei der Vorstellung des Sozialberichts für 2017 eine trotz einer seit einigen Jahren ermunternden Tendenz, dass der Problemdruck hoch bleibt.

„Es wird noch ein langer Weg sein, bis Offenbach seine soziale Balance komplett wiedergewonnen und die über Jahrzehnte entstandene Sondersituation mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit und Armut überwunden haben wird“, formuliert Bürgermeister Schneider. Zwischenzeitlich darf sich der Offenbacher an Silberstreifen am Sozialhorizont ergötzen, die sich einem Wachstum von Bevölkerung und sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verdanken.

Einmal geht die Zahl jener Menschen zurück, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II, vulgo Hartz IV) beziehen – das sind Arbeitssuchende ohne Arbeitslosengeld samt nicht erwerbsfähigen Angehörigen. Zum 31. Dezember 2017 waren es 17 731 Personen, davon 5683 nicht erwerbsfähig, in der Mehrzahl Kinder. Vor zehn Jahren standen 12.977 beziehungsweise 6257 in der Statistik. Da die Bevölkerung seitdem stark angewachsen ist, macht die Quote die Verbesserung deutlicher: 19,8 gegenüber aktuellen 15,6 %.

Beim prozentualen Rückgang von 2016 auf 2017 ist Offenbach Hessen-Champion: Mehr als 4,1 % hat keine Großstadt und kein Landkreis zu bieten; das zweitplatzierte Frankfurt ist mit 1,1 % abgeschlagen; der Mittelwert des Landes beträgt 3 %. Die absoluten Hartz-IV-Zahlen für die Stadt sind differenziert zu betrachten: Sie bilden nicht die Menge der Menschen ab, die ihren Lebensunterhalt ausschließlich aus staatlicher Alimentation bestreiten. Zu den 28,6 % der erwerbfähigen Bezieher zählen neben den „Aufstockern“ von Arbeitlosengeld I (309) die „Ergänzer“ (3425). Arbeitsförderer Schulze-Böing nennt diese Quote ein „Offenbacher Spezifikum“: Nirgendwo in Deutschland gebe es einen höheren Anteil von Leuten, die ein „anrechenbares Erwerbseinkommen“ hätten.

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Das liege aber nicht an überdurchschnittlich vielen schlecht bezahlten Jobs. Bedarf nach Unterstützung entstehe in Offenbach weitaus häufiger bei Alleinverdienern, in Teilzeit Tätigen und in großen Familien. „Eine Herausforderung für die Stadt besteht darin, für eine stärkere Beteiligung der Frauen zu sorgen, dafür müssen wir auch am Rollenverständnis arbeiten“, sagt der Geschäftsführer des Jobcenters. Ebenfalls vermindert hat sich die Kinderarmut. Seit drei Jahren geht es bei den unter 18-Jährigen abwärts – während in ganz Hessen der „Anteil der Kinder und Jugendlichen im Leistungsbezug an allen Kindern und Jugendlichen in der Bevölkerung“ wuchs.

Mit 28,5 % liegt Offenbach zwar noch über dem Landeschnitt von 25,8 %, doch ist das kein Vergleich zu den erschreckenden 33,4 % Ende 2014. Matthias Schulze-Böing hebt hervor, dass Kinderarmut als solche in den vergangenen Jahren nicht zugenommen habe. Die statistischen Werte verdankten sich vielmehr besonders der Zuwanderung ab 2012 nach der EU-Erweiterung. Dass sich Migranten und ihre Kinder erst einmal in Sozialsystemen wiederfänden, sei zwangsläufig, verdeutlicht der Experte. Ihn überrascht dabei die schnelle Normalisierung der Lebenssituationen. Ein erklecklicher Teil der nach Offenbach Zugewanderten sei relativ bald unabhängig von Sozialleistungen.

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