Alle wollen in die erste Reihe

Stadtverordnete tagen am kommenden Donnerstag erstmals im Bieberer Exil

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Am Donnerstag ist Premiere: Die Stadtverordnetenversammlung tagt wegen der Rathaus-Renovierung erstmals in der Turnhalle des TV Bieber. Waltraud Schäfer (Mitte) und Halime Baytemir vom Stadtverordnetenbüro besprachen zuvor mehrfach die Details mit dem TV-Vorsitzenden Andreas Leonhardt. 

Offenbach - Tänzer, Turner und Tischtennisspieler trainieren regelmäßig unter ihrem Dach, je nach Jahreszeit wird dort gesungen und geschunkelt, ab sofort auch politisch gestritten. Von Harald H. Richter

Die Halle des Turnvereins Bieber ist wegen der Rathaus-Sanierung für – so schätzt man bei der Verwaltung – die nächsten zwei Jahre Ausweichdomizil des Stadtparlaments. Langjährige Abgeordnete erinnern sich, dass diese Stätte der Leibesertüchtigung ihnen schon einmal, vor etlichen Jahren, Quartier zur geistig-politischen Auseinandersetzung bot. Damals freilich waren noch keine acht Fraktionen zu platzieren. „Deshalb haben wir lange überlegt, ob sich die Halle überhaupt für Parlamentssitzungen in der heutigen Größenordnung eignet“, sagt Waltraud Schäfer, Leiterin des Büros der Stadtverordnetenversammlung. Zumal es nicht allein darum gehen konnte, 71 Volksvertreter unterzubringen. „Eine weit größere Herausforderung ist zu meistern. Magistrat, Verwaltung, Zuschauer und Presse wollen schließlich auch vernünftige Bedingungen vorfinden.“ Bei ausschließlicher Bestuhlung bietet der Saal 370 Menschen Platz, deutlich weniger, wenn Tische dazugestellt werden.

Intensive Gespräche mit Vereinsvorstand Andreas Leonhardt mündeten in ein tragfähiges Konzept, an dem auch die Fraktionen beteiligt waren. „Natürlich hat jede politische Gruppierung mindestens eine Bank in der ersten Reihe beanspruchen wollen, das geht aber wegen der beengten Verhältnisse nicht“, ruft Schäfer in Erinnerung. Man habe hinsichtlich der notwendigerweise etwas schmaleren Anordnung jedoch „einen Kompromiss gefunden, mit dem alle leben können“. Eine Probebestuhlung bestätigte die Machbarkeit. Das Präsidium des Stadtparlaments behält auf der Bühne den Überblick, der Magistrat sitzt unterhalb davon. In schlanker Anordnung reihen sich die Plätze für die Fraktionen Richtung hinteres Hallenende. Die Gangführung ist etwas schmaler als im Rathaus-Sitzungssaal, der Abstand zum Rednerpult kürzer. Schäfer geht davon aus, dass etwa 30 Zuschauer die Debatten auf Sitzplätzen verfolgen können. „Möchten mehr Bürger der Versammlung beiwohnen, müssten wir improvisieren.“

Um überall im Raum verstehen zu können, worüber die Abgeordneten diskutieren, ist einiges an Veranstaltungstechnik nötig: Verstärkeranlage mit Mischpult, Mikrofone sowie Lautsprecher. Dazu gehört eine ausreichende Decken- und Wandbeleuchtung. Mehrere im Gebäude befindliche Clubräume sollen es den Fraktionen ermöglichen, sich vor der jeweiligen Plenumssitzung noch einmal zurückzuziehen und ihre Strategie zu besprechen. „Zumindest die drei großen Gruppierungen, also CDU, SPD und Grüne, können das separat tun“, sagt Schäfer. Außerdem muss es möglich sein, dringende Drucksachen anzufertigen, um die Vervielfältigungen während der laufenden Sitzung an die Parlamentarier auszuteilen. Auch fürs Catering ist Vorsorge zu treffen.

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All das, was für eine solche Sitzung aufgebaut wird, ist hinterher wieder in den Ausgangszustand zu bringen. Schließlich geht der gewohnte Trainingsbetrieb des TV Bieber schon in den Tagen danach weiter. Und vielfältige kulturelle Veranstaltungen, zu denen die Halle mit ihren Nebenräumen gebucht wird, sind schon Monate im Voraus geplant. Der von Architekt Heinrich Gesser konzipierte Bau entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert und wurde offiziell im Sommer 1900 geweiht, besteht also 115 Jahre. 1910 bekam die Halle eine vergrößerte Bühne, diente 1936 neun Monate als Ersatzkirche für die katholische Pfarrgemeinde, die während des Neubaus von St. Nikolaus ein Interimsquartier benötigte. Obwohl durch Kriegsbomben schwer beschädigt, konnte in der Halle bereits 1946 wieder der Trainingsbetrieb aufgenommen werden. Eine Tafel am Gebäude erinnert an die wechselvolle Geschichte der Halle des 1861 gegründeten Turnvereins.

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