Teilhabe ohne Hürden

Offenbacher Verein fördert inklusives Design und vielfältige Gesellschaft

Ein Beispiel für inklusives Design: 2019 entwickelte Frank Zebner mit Christina Timmann das Projekt „Communicative Barriers“, ein Konzept für die Unterstützung bei der Alltagsbewältigung all jener Personen, die auf das haptische Feedback angewiesen sind, weil sie visuelle und akustische Zeichen nicht wahrnehmen.
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Ein Beispiel für inklusives Design: 2019 entwickelte Frank Zebner mit Christina Timmann das Projekt „Communicative Barriers“, ein Konzept für die Unterstützung bei der Alltagsbewältigung all jener Personen, die auf das haptische Feedback angewiesen sind, weil sie visuelle und akustische Zeichen nicht wahrnehmen.

Groß und klein, dick und dünn, alt und jung, mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen und ohne, mit Migrationsgeschichte oder ganz ohne. Menschen sind verschieden. Obwohl das mittlerweile selbst bei den letzten angekommen sein sollte, haben längst nicht alle Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeiten. Viele stoßen in ihrem Alltag immer wieder auf Hürden.

Offenbach – Dabei wären einige davon einfach aus dem Weg zu räumen. Das jedenfalls sagt Frank Zebner, Professor an der Hochschule für Gestaltung im Lehrgebiet „Industrial Design“ und Gründungsmitglied des 2019 ins Leben gerufenen Vereins „Design Inclusion“.

Er und seine Mitstreiter haben es sich zu Aufgabe gemacht, die Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit zu fördern. Und zwar durch inklusives Design. Ein Thema, das bislang viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, findet Zebner. Das will der Verein, dessen Mitglieder bislang in erster Linie aus dem HfG-Umfeld kommen, ändern. Zum einen will man eine öffentliche Plattform für diesen speziellen Aspekt der Inklusionsthematik schaffen, zum anderen vor allem auch konkrete Projekte fördern.

Ansatzpunkte gibt es nahezu überall. Frank Zebner nennt als Beispiel die Autoindustrie. „Weil dort fast nur Männer arbeiten, ist auch die Gestaltung von Autos auf deren Bedürfnisse ausgelegt. So sind Frauen in Sachen Sicherheit etwa deutlich benachteiligt.“ Die Liste für ein besseres inklusives Design kann Frank Zebner beinahe endlos weiterführen, sie reicht von Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen, über Ältere, bis hin zu denen, die ihre Wurzeln in der Fremde haben und aufgrund der Sprachbarriere immer wieder auf Grenzen stoßen. Das Ziel: Teilhabe ohne Hürden. Für alle, egal, welche Voraussetzungen sie mitbringen.

Die Anwendungen, Produkte und Systeme, die das ermöglichen, sollen bestenfalls in der Mitte der Gesellschaft ankommen. „Warum platzieren wir beispielsweise nicht alle Türklinken auf einer Höhe, in der auch Menschen im Rollstuhl sie erreichen können?“, fragt der HfG-Professor. Eine zentrale Rolle in der Arbeit des Vereins nimmt darum die jährliche Vergabe eines bundesweiten Designpreises ein. Der trägt den Namen „be aware“, zu Deutsch so viel wie „sei dir bewusst“, und würdigt besonders innovative Ideen von Studierenden, etwa aus den Bereichen Industrie, Investition, Konsum, Infrastruktur und Mobilität. „Wir haben das auf Studierende begrenzt, weil die, das zeigt die Erfahrung, oft mit frischem Blick und unbedarft an Probleme herangehen, und dabei entstehen häufig tolle Ideen“, sagt Zebner. In wenigen Tagen steht die diesjährige Preisverleihung an. Die Veranstaltung in Präsenz musste wegen der Corona-Pandemie erneut abgesagt werden. Dennoch kürt die Jury, der in diesem Jahr unter anderem Schauspieler Samuel Koch angehört, der seit einem Unfall in einer „Wetten, dass...?“-Sendung im Rollstuhl sitzt, eine Sieger-Idee. Und die wird mit einem stolzen Preisgeld in Höhe von 10  000 Euro belohnt.

Zehn Projekte von jungen Leuten aus ganz Deutschland sind in der engeren Auswahl. Darunter etwa Lukas Hartz von der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken, der eine Orientierungshilfe für Blinde entworfen hat, die den Blindenstock ergänzt oder ersetzt. Denn der ist für blinde Menschen zwar ständiger Begleiter und im Alltag enorm wichtig. Das Problem: Mit den herkömmlichen Modellen werden lediglich Hindernisse in Bodennähe wahrgenommen, nicht aber die auf Kopfhöhe oder welche, die sich weiter entfernt befinden. „Orto“ kann alles, als Erweiterung des Blindenstocks oder als eigenständiges Hilfsmittel scannt es die Umgebung und übermittelt entsprechende Vibrations-Signale.

Weitere Ideen, die ins Rennen um den Designpreis gehen: Da ist etwa ein Geschirrset, das speziell auf die Bedürfnisse von Arthritis-Patienten zugeschnitten ist und von ihnen ohne Schmerzen in Hand- und Fingergelenken gegriffen werden kann. Oder ein Spiel, das es Menschen mit Seh- oder Höreinschränkung ermöglicht, mit anderen zu kommunizieren.

Die Projekte eint der Grundsatzgedanke, allen Menschen eine gleichwertige Teilhabe am gesellschaftlichen Alltag zu ermögliche, ganz egal, mit welchen individuellen Voraussetzungen sie durchs Leben gehen. Künftig will der Verein seine Arbeit ausweiten, Forschungsprojekte sind geplant, eine enge Vernetzung mit der Industrie, die die Entwürfe umsetzen soll. Möglichst für die breite Masse. (Von Lena Jochum)

Infos im Internet: designinclusion.org

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