Neue Perspektiven

Offenbacher Werkstätten Hainbachtal mussten sich durch die Pandemie umstellen

Corona sorgte für Veränderung: Andrea Wachtel und ihr Team von der Wäscherei haben sich im vergangenen Jahr auf das Waschen von Alltagsmasken umgestellt.
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Corona sorgte für Veränderung: Andrea Wachtel und ihr Team von der Wäscherei haben sich im vergangenen Jahr auf das Waschen von Alltagsmasken umgestellt.

„Im Januar 2020 schien das Virus noch ganz weit weg“, sagt Frank Hofmann, einer der beiden Geschäftsführer der AWO Offenbach, doch dann habe es tief in das Leben aller bei den Werkstätten Hainbachtal eingegriffen: Denn im vergangenen Jahr sollte eigentlich das 50-jährige Bestehen der Werkstätten groß gefeiert werden. Feste waren geplant, Konferenzen; dazu hätten neue Standorte in der Region öffnen sollen. Es sollte anders kommen. Schon der Brand in der Wäscherei kurz nach Jahresbeginn sorgte für alles andere als Feststimmung.

Offenbach - Doch als das Corona-Virus Offenbach erreichte, sahen sich die Verantwortlichen der Werkstätten gezwungen, die komplette Jahresplanung umzustellen. „Um Ostern herum wurde es richtig dramatisch, denn da kam das Betretungsverbot für Heime“, sagt Geschäftsführer Thomas Ruff. Mit dem Verbot gingen tiefe Einschnitte ins Leben der Werkstatt-Mitarbeiter einher. „Aber wir hatten weiterhin einen Betreuungsauftrag für unsere Mitarbeiter und dazu natürlich die laufenden Produktionsaufträge“, sagt er.

Allerdings gingen mit den Einschränkungen des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr auch wirtschaftliche Veränderungen einher. „Aufträge brachen weg: Hatten wir vorher etwa 100 000 Bordbücher für die Lufthansa pro Monat erstellt, ging die Produktion auf Null herunter“, sagt Hofmann. Auch in der Wäscherei der Werkstätten fielen Hotel- und Gastro-Aufträge weg.

Dennoch versuchten die Werkstätten, ihren Mitarbeitern mit Beeinträchtigungen einen möglich normalen Tagesablauf zu erhalten – Stabilität ist gerade in Krisenzeiten wichtig. Doch die Hygiene-Regeln erwiesen sich als große Herausforderung dabei. „Die Distanz, die eingehalten werden muss, ist auch heute noch ein großes Thema für uns“, räumt Hofmann ein. Sicherheit geben, vertraute Tagesabläufe gewährleisten und dabei gleichzeitig sich und andere vor dem Corona-Virus schützen, ein wahrer Spagat für die Werkstatt-Mitarbeiter.

Der Wegfall verschiedener Aufträge habe aber die Werkstätten nicht in finanzielle Schieflage gebracht, betonen beide Geschäftsführer. „Ein Grund: Das Land hat sich sehr kulant gezeigt und das Geld weitergezahlt – mit der Auflage, dass wir die Betreuung, so gut es unter diesen Umständen eben geht, fortführen. Deshalb mussten wir auch keine Kurzarbeit einführen“, sagt Hofmann.

Allerdings mussten sich die Mitarbeiter auf manche Umstellung einlassen, doch auch neue Aufträge konnten gewonnen werden: In den Holzwerkstätten etwa wurden Schutzelemente gefertigt, Mitarbeiter aus Verwaltung oder Café wechselten in Produktionsabteilungen.

Das Team der erst 2019 eröffneten Tagesförderstätte Mörfelden-Walldorf ging komplett nach Rödermark, wo die Werkstätten seit 2012 einen Standort unterhalten. „Die Hausreinigung, die wir bisher immer extern vergeben haben, machen wir nun selbst“, sagt Ruff, Wäscherei-Mitarbeiter sind nun in die Reinigungsteams gewechselt. „Reinigung und Hygiene sind momentan sehr gefragt“, sagt er.

Zwar konnte die Kurzarbeit verhindert werden, doch dafür musste ein Schichtbetrieb eingeführt werden – aus Hygienegründen. „In der Produktion haben wir eine wochenweise wechselnde Schicht, der Platz bei uns einfach nicht ausreicht, damit alle genügend Abstand am Arbeitsplatz einhalten“, sagt Hofmann. In kleineren Gruppen seien die geltenden Abstandsregeln dagegen einfacher umzusetzen.

Auch wenn sich die Werkstätten relativ gut mit der Corona-Lage arrangieren konnten, dass das Jubiläum davon überschattet wurde, schmerzt alle Beteiligten sichtlich. „Alle Feste, alle Seniorenfahrten und Veranstaltungen mussten abgesagt werden“, sagt Hainbach-Werkstätten-Geschäftsführer Thomas Ruff, „auch alle Neuerungen mussten wir verschieben.“

Das sei bei einem lange geplanten Projekt besonders schmerzlich: Eigentlich hätte im Frühsommer in Frankfurt das Inklusionsprojekt „Isabella“ der Werkstätten öffnen sollen – eine glutenfreie Patisserie, mit der das Portfolio der Werkstätten sich deutlich weiterentwickelt hätte. „Doch daran war angesichts der Lage nicht zu denken, wir mussten alles neu planen“, sagt Hofmann. Um ein Jahr wurde das Inklusionsprojekt verschoben, im Sommer dieses Jahres – vorausgesetzt, die Entwicklung der Pandemie-Lage lässt es zu – soll nun Eröffnung sein.

„Wir glauben, dass wir auch Ziele für die Zeit nach der Pandemie formulieren müssen, die Welt wird sich weiterdrehen“, sagt Ruff. Dafür seien Projekte wie „Isabella“ nötig. „Wir wollen unsere Akquise verstärken – die Akquise von Menschen mit Behinderung, denen wir eine Perspektive bieten können und die Akquise von neuen Auftraggebern.“

Von Frank Sommer

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