YouTuber Tom Belz zum Bürgerfest des Bundespräsidenten eingeladen

Date mit Frank-Walter

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Für den 30-jährigen YouTuber Tom Belz aus Offenbach ist eine Behinderung keine Entschuldigung. Auch nicht für sich selbst.

Offenbach - In Berlin treffen sich diese Woche vier „YouTuber“ mit der Bundeskanzlerin, stellen ihr Fragen, übertragen das Ganze direkt ins Netz. Von Carolin Henneberg 

Der Offenbacher Tom Belz, ebenfalls Kopf eines Video-Kanals im Internet, hat’s in der politischen Hierarchie sogar noch eine Stufe höher geschafft: Ihn hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Schloss Bellevue eingeladen.
Wenn man Tom Belz das erste Mal sieht, weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll: bunte Tattoos, Piercings im Gesicht und Haare, die an eine moderne Version des Struwwelpeters erinnern. Wer den Blick weiter nach unten schweifen lässt, sieht: Der 30-jährige Offenbacher hat nur ein Bein.

Musiker, YouTuber, Träumer, Herausforderer, Reisender, Verrückter – so beschreibt sich Belz, der sich im Internet auch Tom Native nennt, auf der sozialen Bilderplattform Instagram selbst. Dort und auf seinem YouTube-Kanal dokumentiert und präsentiert er sein Leben. „Wenn ich die Kamera in die Hand nehme, habe ich eine Aufgabe“, sagt der gebürtige Rodgauer. Dann zeige er eben sein etwas anderes Leben aus verschiedenen Perspektiven.

Mit acht Jahren diagnostizieren Ärzte bei ihm Knochenkrebs. Die Krankheit ist bereits fortgeschritten, Metastasen haben sich in seinem Körper verteilt. Das linke Bein hat’s am schlimmsten erwischt: Der Krebs hat den Knochen zerfressen, die Ärzte müssen amputieren. „Natürlich war die Zeit nicht leicht für mich, vor allem die Isolation im Krankenhaus war schlimm.“ Doch von den Verboten der Ärzte habe er sich nie ganz einschränken lassen, habe oft einfach gemacht, worauf er Lust hatte: Er treibt Sport, spielt Fußball, geht surfen. „Nach der Amputation habe ich zwar anders gelebt, aber nicht schlechter.“

Mit 14 macht er ein sozialpädagogisches Praktikum auf der Kinderkrebsstation der Frankfurter Uni-Klinik, dort, wo er ein paar Jahre zuvor selbst Patient war. „Ich wusste einfach, wie die Kids sich fühlten, konnte ihnen eine Perspektive geben und sagen: Es wird wieder besser.“

In diesem Berufsfeld ist er dann auch geblieben, ist staatlich anerkannter Sozialassistent und Erzieher geworden, arbeitet heute als Betreuer einer Gruppe von geistig und stark mehrfach behinderten Menschen im Alter von 20 bis 63 Jahren in den Werkstätten Hainbachtal. Doch er selbst sieht sich nicht als Mensch mit Behinderung, „dafür müsste mich mein Handicap ja behindern, das tut es aber nicht.“

Eine Prothese trägt der Offenbacher nicht – zu unbequem, zu warm, zu wenig Bewegungsfreiraum. „Sie kann mit meinem Leben einfach nicht mithalten“, sagt er. Seit Jahren ist er deswegen nur auf Krücken unterwegs – und das quasi ohne Einschränkungen. „Ich kann eigentlich alles, nur lässt man mich manchmal einfach nicht.“ So wurde ihm zum Beispiel aufgrund seiner Amputation mal ein Fallschirmsprung aus dem Flugzeug verwehrt.

Drei Jahre lang war Belz als Schlagzeuger mit der Metalcore-Band „The Green River Burial“ unterwegs. Die Musiker tourten erfolgreich durch Europa und Russland. „Irgendwann hat’s dann einfach nicht mehr gepasst und ich bin ausgestiegen“, erzählt er.

Erst dadurch sei die ganze YouTube-Sache überhaupt richtig ins Rollen gekommen. Er wollte die Menschen, die er durch die Musik, auf den Konzerten kennengelernt hat, die zu Freunden wurden, via Internet auf dem Laufenden halten. „Auch für meine Familie, die teils im Ausland lebt, ist das eine coole Sache, sie kann immer sehen, was ich gerade so treibe.“

In seinen Beiträgen nimmt er die Zuschauer mit auf seine Reisen, zum Termin beim Orthopäden oder auf den Hindernislauf „Strong Viking“, den er als erster Einbeiniger in Deutschland für einen guten Zweck gelaufen ist. Aber der Offenbacher will nicht nur unterhalten, er möchte anderen Mut machen und ihnen gleichzeitig eine Botschaft mit auf den Weg geben: Eine Behinderung ist keine Entschuldigung.

Doch richtet sich dieser Leitspruch viel mehr an das Umfeld als an die Betroffenen selbst. „Mitleid mag keiner, egal ob behindert oder nicht.“ Wer wolle schon immer und immer wieder daran erinnert werden, dass etwas vielleicht mal nicht so gut gelaufen sei? Nur von Turnschuhverkäufern wünscht er sich ab und zu mal einen Behindertenbonus: „110 Euro für einen Schuh sind ganz schön teuer“, sagt der Offenbacher und lacht.

Wie man ein Rock-Star auf YouTube wird

Seine Internetvideos haben bis zu 10.000 Aufrufe, und die Gemeinschaft derer, die zuschauen, wächst. Auch die Aktion Mensch ist auf den 30-Jährigen aufmerksam geworden, macht mit den Rewe Family Days gemeinsame Sache und verlost unter dem Motto „Tom und Du“ eine Surf-Camp-Reise mit Belz nach Portugal. Die Initiative „Du musst kämpfen“ für an Krebs erkrankte Kinder machte ihn zum Botschafter. Vor ein paar Tagen erreicht ihn dann auf der Arbeit ein Schreiben: schickes Briefpapier, ein goldener Adler drauf und vom Bundespräsident Steinmeier persönlich unterschrieben: Tom freut sich aufs Date mit Frank-Walter bei dessen Bürgerfest am 8. September im Schloss Bellevue. Die Feier, zu der Auserwählte aus ganz Deutschland gebeten werden, würdigt herausragendes ehrenamtliches Engagement. „Ich bin schon wirklich aufgeregt“, verrät der YouTuber. „Das ist eine extrem große Ehre.“ Und sicher wird er seinen Zuschauern auch dieses Ereignis nicht vorenthalten.

Alle Videos von Tom Belz gibt‘s unter youtube.com/c/tomnative

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