Zuschauer brachten zu Beginn Stühle mit

Offenbacher Zimmertheater feiert 15. Geburtstag

Eingespieltes Team, privat wie beruflich: Sarah Baumann und Frank Geisler.
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Eingespieltes Team, privat wie beruflich: Sarah Baumann und Frank Geisler.

Es war als rauschendes Jubiläum geplant – und als feste Größe in der Offenbacher Kulturszene hätten Sarah Baumann und Frank Geisler sich das zum 15. Geburtstag ihres Zimmertheaters „T-Raum“ an der Wilhelmstraße mehr als verdient: Ursprünglich als viertägiges Theaterfest vorgesehen, feierte das Paar stattdessen am Samstag und Sonntag – mit einem ausgeklügelten Konzept, um die Corona-Pandemie nicht als endgültigen Spaßverderber siegen zu lassen. Dank dieser muss das Ensemble mit ausgewählten Produktionen in den „Kleinen Kultursalon“ im Capitol ausweichen – an diesem Samstag wurde der kleine Saal des Zimmertheaters erstmals seit einem halben Jahr wieder bespielt.

Offenbach - Nach Voranmeldung durften jeweils bis zu zehn Besuchern die Räume eintreten und schauen, was sich dort in den letzten Monaten ohne Spielbetrieb getan hatte. Und das war eine ganze Menge: Während des Lockdowns hatte sich Baumann kreativ beschäftigt: Sie hatte Requisiten und Kostüme umgewandelt, Collagen geschaffen, einen Wandteppich gewebt – kurzum das, was sich in 15 erfolgreichen Theaterjahren so angesammelt hatte, nachhaltig verwertet und dergestalt neu betrachtet. So entstanden Werke, wie „Die Engel des Theaters“ oder der „glänzend-runde Wackelvorhang“ - Dinge, die die Besucher bewundern konnten, aber gegen eine Spende auch mitnehmen durften. „Wir brauchen Platz für die nächsten 15 Jahre“ verkündete Baumann einer Besuchergruppe - übrigens in einem Kleid aus Krawatten, das ihr bereits in der ersten Besucherrunde abgekauft worden war, sie aber leihweise noch bis zum Ende des Tages tragen durfte.

Insgesamt sechs solcher Durchgänge mit verschiedenen Besuchergruppen gab es am Samstag, am Sonntag noch einmal vier. Natürlich war der „Basar“ nicht alles, selbstredend musste sich die Feier auch auf dem Herzstück des Zimmertheaters abspielen: der Bühne. Was die einzelnen Besuchergruppen dort zu sehen bekamen, wurde erst kurz vor dem jeweiligen Auftritt bekanntgegeben – jede Gruppe bekam einen anderen Beitrag zu sehen: Den Auftakt für die erste Gruppe machten Baumann und Geisler mit improvisierten Eheszenen und dem Vortrag eines pantomimisch illustrierten Gedichts von Calderón de La Barca. In den anderen Zeitfenstern traten bekannte Gesichter wie Elena Hahn oder Dirk Wegmann auf - oder auch Gastkünstler wie Volker Heymann, der einen Auszug seines corona-bedingt ausgefallenen Gastspiels „Der mit dem Wort tanzt“ präsentierte.

Sarah Baumann wuchs bereits in einer Schauspielerfamilie auf und legte ihre Prüfung als Schauspielerin in Karlsruhe ab. Der gebürtige Offenbacher Frank Geisler eroberte sich die Bühne als Quereinsteiger, nachdem er nach einer Lehre zum Buchhändler auch seinen Magister Artium in Germanistik in der Tasche hatte. Es war schnell klar, dass beide ihr Glück in „Brotjobs“ nicht finden würden, erinnert sich Geisler an die Anfänge. So machte sich Baumann auf die Suche nach Räumlichkeiten für das gemeinsame Theaterschaffen und stieß auf die Wohnung in der Wilhelmstraße 13.

„Wir hatten uns es eigentlich größer vorgestellt, als es geworden ist“, erinnert sich Geisler an den Moment, in dem er mit seiner Frau im heutigen Aufführungsraum stand: „Wir haben uns in die Diagonale gestellt, ich in eine Ecke, Sarah in die andere, dann habe ich zu ihr gesagt: ‘Spiel doch mal was an’.“ In dem Moment schlug die Geburtsstunde des T-Raums: Im Mai 2004 wurde ordentlich renoviert, im September gingen die Lichter zur ersten Premiere „Es war die Lerche“ von Kishon an. Statt Eintrittsgeld brachten die Gäste der ersten Stunde damals ihre eigenen Stühle mit und ließen sie da, schildert Geisler.

In den letzten 15 Jahren sind mehr als 50 Produktionen entstanden: Komödien, Satire und Kabarett - gute Unterhaltung, „die auch wehtun und kritisch sein darf“, beschreibt Geisler den Schwerpunkt des Spielplans. In den vergangenen Jahren sei der Zulauf allerdings etwas rückläufig, was Geisler auf demografische Veränderungen zurückführt: „Junges Volk nach zu kriegen, das ist schwer.“

Dennoch haben Sarah Baumann und ihr Mann noch viel vor – auch wenn nicht absehbar ist, wann wieder „nach den alten Regeln“ gespielt werden kann. Trotzdem sind Neuproduktionen geplant, die im Capitol zu sehen sein werden: Darunter eine Zwei-Personen-Fassung von Goethes „Faust I“ oder eine szenische Lesung des Hörspiels „Tod einer Wunschmaschine“ von Erich Hackl. Von Jan Schuba

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