Greifbares Grauen

Dokumentarfilmregisseur diskutiert mit Schülern über NS-Terror

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Regisseur Dirk Szuszies.

Offenbach – Bereits wenige Momente, nachdem der Saal im Dunkel versunken ist und der Film begonnen hat, herrscht im Publikumsraum vollkommene Stille.

Offenbach - Gar nicht so selbstverständlich: Ein paar Minuten zuvor waren die gut 100 Jugendlichen von Käthe-Kollwitz-, Rudolf-Koch- und Schillerschule noch laut und quirlig. Der Dokumentarfilm „Wir sind Juden aus Breslau“, den der Berliner Regisseur Dirk Szuszies ihnen am gestrigen Freitagmorgen im Cinemaxx an der Berliner Straße zeigt, verschlägt selbst den Vorlautesten die Sprache.

„Im Film erzählen 14 Menschen, die in Breslau geboren sind, ihre Lebensgeschichte“, erklärt Barbara Leissing von der Geschichtswerkstatt Offenbach die Filmvorführung und Diskussion gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes veranstaltet. „Angefangen damit, was es bedeutet, als Juden in einer Stadt zu leben, in der der Terror gegen sie immer stärker wurde.“

Der Dokumentarfilm, den Szuszies gemeinsam mit seiner Partnerin Karin Kaper realisiert hat, zeichnet ein eindringliches Bild von den Gräueln des NS-Regimes. In langen, intensiven Interviews lässt er Überlebende zu Wort kommen und aus erster Hand schildern, wie sie damals Gewalt und Verfolgung ausgesetzt waren. Manche von ihnen überlebten gar das albtraumhafte Konzentrationslager Auschwitz.

„Diese Menschen, die ihr gerade gesehen habt, die waren so jung, als sie das Schicksal ereilt hat“, richtet Dirk Szuszies nach der Vorführung das Wort an die Offenbacher Schüler. „Ihr seid eine Generation, die Kommunikation durch das Internet und die sozialen Medien noch viel mehr gewohnt ist als meine.“ Leider sei es Tatsache, dass sich gerade dort die furchtbarsten Leute tümmelten, da man sie nur ganz schlecht zur Rechenschaft ziehen könne. Szuszies fordert die Jugendlichen zu kritischem Denken auf, nicht den Lügen der Rechtspopulisten auf den Leim zu gehen. „Holocaustleugnung ist ein Strafbestand im Gesetzbuch – und Menschen, die das tun, gehören in den Knast.“

Aber der Filmemacher hält nicht nur einen flammenden Appell für Menschlichkeit, sondern stellt sich auch den Fragen der Jugendlichen. Für die Antworten nimmt er sich Zeit, geht auf jeden persönlich und detailliert ein. Neben Fragen zu den Produktionsbedingungen seines Films gibt es auch emotionale Wortmeldungen. „Was können wir Schüler heute tun?“, will ein Junge wissen. „Nicht die Diskussion scheuen“, antwortet Szuszies. „Und es ist wichtig, dass man das früh genug tut. Ich weiß, es ist ein ganz blöder Spruch, aber er stimmt: Währet den Anfängen.“ Es sei aktuell ein Trend, etablierte Parteien „zum Kotzen“ zu finden, aber man dürfe den Rechten nicht das Feld überlassen.

VON MARIAN MEIDEL

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