Punktuelle Rückschläge

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Peter Ambros, heimlicher Bürgermeister des Mathildenviertels, zeigt auf zu (technisch hervorgehobenen) Bretterverschlägen umgebaute Balkone.

Offenbach - Peter Ambros denkt positiv. Deshalb erzählt er auch erstmal von den Erfolgen in seinem jahrzehntelangen Kampf für ein lebenswertes Mathildenviertel. Von Matthias Dahmer

Sauberer ist es geworden rund um die Hermann-Steinhäuser Straße und in der Kriminalstatistik ist das Quartier auch kein besonders auffälliges mehr, sagt der Motor der Bürgerinitiative Östliche Innenstadt und heimliche Bürgermeister von rund 12.000 Bewohnern.

Er ist aber auch Realist genug, um zu wissen, dass der Makel des Problemviertels nicht so leicht abzuschütteln ist. „Rückschläge“, nennt Ambros das, was immer wieder dazu beiträgt, Vorurteile zu zementieren. Dazu gehört zum Beispiel der vermehrte Zuzug von arbeitssuchenden Rumänen und Bulgaren. Unter unwürdigen Bedingungen wohnend, verbringen sie besonders in den Sommermonaten ihre freie Zeit auf der Straße. „Eine Optik, die niemanden animiert , hierher zu ziehen“, meint Ambros. Unumwunden gibt er zu, dass er mit den Jahren „radikaler“ geworden ist, sich von Multi-Kulti für alle verabschiedet hat. Dabei klappe das Zusammenleben mit den meisten prima, verweist Ambros etwa auf die türkische Bäckerei samt Café in der Hermann-Steinhäuser, die sich etabliert hat.

Nur auf Profit aus

Was ihn indes noch mehr ärgert, als die sozial wenig kompatiblen Arbeitsmigranten, ist der Umgang einiger Hauseigentümer mit ihren Immobilien. Nur auf Profit aus, investieren sie so gut wie gar nicht in die Gebäude, „mit jeder neuen Vermietung geht es weiter nach unten“, so Ambros.

Herausragendes Negativ-Beispiel ist für ihn die Hermann-Steinhäuser Straße 17. Peter Ambros lenkt seine Schritte zu der Rückseite des Hochhauses. Satellitenschüsseln prägen das Bild, die Balkone sind teilweise mit Holzplatten zu Verschlägen umfunktioniert, die wenigen Quadratmeter werden offenbar auch noch vermietet, der Lichteinfall in die eigentlichen Wohnzimmer dürfte bei null liegen.

50 verschiedene Eigentümer

Ordnungsamt oder Feuerwehr, berichtet Ambros, haben ohne die Zugangserlaubnis des Eigentümers keine Möglichkeit, einzuschreiten. Warum man sich nicht mit juristischen Konstrukten wie etwa der „Gefahr im Verzug“ Zugang verschafft, um die illegalen Balkon-Verbauten zu beseitigen, kann er sich auch nicht erklären.

96 Wohnungen gibt es in der Hermann-Steinhäuser Straße 17. Sie gehören 50 verschiedenen Eigentümern, die über die ganze Republik verstreut sind. Diese Konstellation hat sogar schon die Hausverwaltung resignieren lassen: „Die Eigentumsverhältnis lassen keine Sanierung zu. Wir haben keine Rücklagen und Renovierungsmaßnahmen sind nicht umlagefähig“, sagt Manfred Abendschein von Hausverwaltung Abendschein-Hetschold aus Obertshausen. Die meisten Eigentümer lassen sich bei den Versammlungen vertreten, viele haben ihre Wohnungen seit Jahren nicht gesehen. „Wir schreiben regelmäßig ins Versammlungsprotokoll, dass wir keine Haftung für Schäden übernehmen können“, so Abendschein. Eigentlich, sagt er, müsste eine Sonderumlage von 10 000 Euro pro Wohnung erhoben werden, „sonst ist das Haus irgendwann nicht mehr bewohnbar“.

GBO kauft drei Ein-Zimmer-Appartements

Das will auch die Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach (GBO) verhindern. Sie hat drei Ein-Zimmer-Appartements in der 17 gekauft, um so einen „Fuß in die Tür zu bekommen“, berichtet GBO-Chef Winfried Männche und verweist auf das Hochhaus in der Neusalzer Straße, wo das auch geklappt hat.

Die drei Wohnungen mit jeweils 22 Quadratmetern sollen günstig an Studenten vermietet werden, von denen schon 170 in anderen Objekten in der Hermann-Steinhäuser Straße wohnen. Der Ankauf weiterer Einheiten in der 17 ist für Männche denkbar. Das Modell des mühsamen Wandels durch Änderung der Mieterstruktur will die GBO auch auf andere Stadtviertel übertragen. „Das sind viele, viele kleine Schritte“, sagt Winfried Männche.

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