Offenbachs Kulturszene in Not

Wie wird das kulturelle Leben in Offenbach nach der Krise aussehen? Verändert der Ausbruch des Coronavirus nachhaltig das Bild der freien Kulturszene?
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Wie wird das kulturelle Leben in Offenbach nach der Krise aussehen? Verändert der Ausbruch des Coronavirus nachhaltig das Bild der freien Kulturszene?

Wie wird das kulturelle Leben in Offenbach nach der Krise aussehen? Verändert der Ausbruch des Coronavirus nachhaltig das Bild der freien Kulturszene? Fakt ist: Einige Kulturorte sind derzeit akut in ihrer Existenz bedroht. Die gute Nachricht ist aber: Wir können ihnen helfen.

Offenbach – Die Kulturorte der Stadt Offenbach sind auf Hilfe angewiesen: auf die Treue ihrer Freunde, aber auch auf Spenden. Wir haben uns in der Szene umgehört. Einige Locations und Vereine trifft die Corona-Krise besonders hart. Allen voran den Hafen 2. Das Team des suesswasser e.V. befürchtet, bald nicht mehr über die Runden zu kommen. Alle Veranstaltungen mussten für die kommenden Monate abgesagt werden, was danach ist, weiß derzeit keiner. Somit gibt es auf absehbare Zeit für den Veranstaltungsort mit Café am Nordring keine ausreichenden Einnahmen mehr, während aber die Miete und andere Fixkosten – monatlich rund 29 000 Euro – größtenteils weiterhin zu zahlen sind. Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden, um die monatlich laufenden Kosten auf 17 450 Euro zu senken, sagt Vereinsvorsitzender Alexander Braun. 

„Leider trifft uns die Situation zum schlechtesten Zeitpunkt: Normalerweise müssen wir im Frühjahr Umsätze generieren, die uns über den Winter hieven. Somit ist die Frage nicht nur, wie wir demnächst anstehende Grundkosten bezahlen sollen, sondern auch, wie wir diese Kosten im Herbst und Winter aufbringen können.“ Das Problem kennen viele Akteure der freien Szene: Totalverlust der Einnahmen, während die Mietkosten weiterlaufen. Dieses Missverhältnis könnte auch dem Museum Digital Retro Park zum Verhängnis werden. Ausstellung und Café sind geschlossen. „Der Verein wird dadurch natürlich nicht untergehen, aber das Museum. Wenn diese Phase noch drei Monate anhält, werden wir schließen müssen“, sagt Stefan Pitsch, der Vorsitzende des Vereins.

 Hafen 2 und Digital Retro Park haben deshalb angefangen, Spenden zu sammeln. Durch den Verkauf von Geistertickets über die Plattform „seeyoutomorrow“ und Direktspenden hat der Hafen 2 schon über 13 000 Euro eingenommen. Seit Kurzem läuft unter dem Motto „Hafen schultern“ zudem eine Aktion auf der Plattform „gofundme“. Dort sind schon fast 3 000 Euro zusammengekommen. Ziel sind 40 000 Euro – „und selbst das würde immer noch nicht reichen“, befürchtet Braun. Er hofft deshalb auf einen teilweisen Mieterlass. Eine Anfrage an die Mainviertel GmbH sei bislang aber unbeantwortet geblieben. 

Der Digital Retro Park ruft über die Sozialen Medien zu Spenden auf, außerdem können über die Plattform „offenbach.help“ Gutscheine gekauft werden, die man einlösen kann, sobald wieder geöffnet ist. Ums wirtschaftliche und kulturelle Überleben kämpfen auch die Theaterleute: Das Theateratelier Bleichstraße hat die Premiere der neuen Produktion absagen müssen, ebenso das Abend- und Kinderprogramm, zudem fielen Mieteinnahmen durch Gastveranstalter und Privatleute weg.

 Ohne Hilfen werde das Theateratelier in drei Monaten in seiner Existenz bedroht sein, befürchtet Ulrike Happel vom Projekt Bleichstraße 14H e.V. Spätestens ab Juli würden finanzielle Hilfen für laufende Ausgaben wie Raummiete und Nebenkosten benötigt. Ähnlich unsicher ist die Situation beim Theater im t-Raum. Das könne zwar „eine Phase von ein bis zwei Monaten wahrscheinlich mit einem blauen Auge“ überstehen. „Aber wenn es länger dauert...?“, fragen sich Frank Geisler und Sarah C. Baumann. 

Einen Engpass haben die beiden erst mal mit einer Gutscheinaktion in den Sozialen Medien abfangen können. Auch wenn das den Livebetrieb nicht ersetzen könne, haben die Theatermacher seit Kurzem einen Youtube-Kanal ins Leben gerufen, um sich zumindest „in den Köpfen zu halten“. Vor großen Problemen steht auch die Kommune 2010 an der Sprendlinger Landstraße. Deren Geschäftsführer, der Unternehmer und Veranstalter Johannes Persson, beklagt, dass die 10-Jahres-Feier des Kulturzentrums und weitere fünf Open-Airs nicht wie geplant stattfinden könnten. Außerdem hätten etwa 80 Bands derzeit keinen Zugang zu ihren fest angemieteten Proberäumen – bisher zahlten die meisten aus Solidarität dennoch die Miete. Buchungen der Hallen und Räume fielen jedoch weg, ebenso die Produktionen in Perssons Tonstudio. Die finanziellen Einbußen seien erheblich – und die Existenz des Veranstaltungsbetriebs und der Studioarbeit akut bedroht. 

Frank Hamburger, der im Januar die Parkside Studios übernommen hat, sieht ebenfalls große Einnahmeausfälle auf sich zukommen, und auch er muss trotz abgesagter und verschobener Veranstaltungen die Miete zahlen. Ab Mai wird so eine Unterdeckung von monatlich rund 2 000 Euro entstehen. Er sei mit dem Kulturamt im Gespräch. „Natürlich wäre es eine große Hilfe, wenn nicht nur die öffentliche Hand zu einer Unterstützung bereit wäre“, findet Hamburger. „Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, die Veranstaltungsorte in der Stadt zu listen, private finanzielle Unterstützungen auf einem speziellen Konto zu sammeln und dann allen aufgelisteten Orten eine weitere Hilfe zukommen zu lassen.“ Eine solche Liste der betroffenen Institutionen und Vereine wäre lang. 

Die Umfrage unserer Zeitung unter knapp 25 Offenbacher Akteuren der freien Kulturszene ergab, dass die meisten – darunter auch die afip, akademie für interdiziplinäre prozesse, der Filmklubb, der Verein offenbar, der Kreativen Räume und Arbeitsplätze zur Nutzung anbietet, und die Mitglieder des Vereins Kunst.Ort.Rumpenheim mit ernst zu nehmenden Ängsten und finanziellen Verlusten bis hin zu Existenznöten kämpfen. Einige versuchen dennoch, ihre Zuversicht zu behalten. Der Theaterclub Elmar zum Beispiel ist überzeugt: „Der Verein ist 1911 gegründet, hat zwei Weltkriege überlebt und wird auch diese Krise überstehen.“ 

Optimismus behält sich auch der Verein Soziale Plastik, der den Waggon am Kulturgleis betreibt: Getränkeumsatz und Spenden, die normalerweise an der Theke getätigt werden, fielen natürlich weg, und die Beschäftigten litten durchaus unter der Situation – es sei Kurzarbeit beantragt. Aber der Waggon habe relativ geringe Fixkosten, und der Verein hofft, dass die Krise vorüber ist, bevor die Rücklagen aufgebraucht sind. Mit einem „Minimum an Geldern und einem Maximum an ehrenamtlichem Engagement“ hat der Kunstverein Manana Bold ohnehin bisher gearbeitet, wie Vorsitzende Ellen Wagner schreibt. Dennoch befürchte man, dass das gesamte Jahresprogramm wegfallen könnte. Durch die Krise würde die Etablierung des jungen Vereins erschwert. 

Waggon und Manana Bold planen derzeit virtuelle Auftritte, über digitale Kanäle will auch der Bund Offenbacher Künstler und Kunstfreunde BOK seine Mitglieder bei der Stange halten. Das Geldpolster des Vereins sei „nicht besonders dick“, so die Vorsitzende Konstanze Schneider, der Vereins aber nicht von Schließung bedroht. Eine große Sorge treibt sowohl Kulturakteure als auch Kulturinteressierte um: Wird es jemals wieder eine so lebendige und vielfältige Kulturszene wie vor der Krise geben? Ralph Philipp Ziegler, Leiter des Offenbacher Kulturamts und Geschäftsführer des in Offenbach ansässigen Capitol Symphonie Orchesters, hofft, „dass die Menschen nicht so ins Mark getroffen sind durch die notwendigen Maßnahmen, dass sie zukünftig teils die Konzerthäuser, Theater und Kinos meiden“. 

Und Nicole Werth vom Filmklubb findet: „Es wäre wichtig, dass nach der Gesundheitskrise die wirtschaftliche Lage nicht so schlecht ist, dass sich niemand mehr Kultur leisten kann.“ Für Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) ist klar, dass die Pandemie ein „brutaler Einschnitt“ ist, dass die Welt, Offenbach und auch die hiesige Kulturszene nicht mehr so aussehen werden wie vorher.

Ein Notfallprogramm der Stadt für Betroffene aus der Kulturlandschaft ist inzwischen verfügbar. Das hessische Kunstministerium hat am Dienstag betont, dass auch Vereine Soforthilfe beantragen können. Einnahmeausfälle, beispielsweise aus entgangenen Eintrittsgeldern, könnten geltend gemacht werden. Die Stadt Offenbach wolle Notleidenden etwa mit Stundungen helfen. Zudem böte die Bürgerstiftung Hilfe bei Spendenaktionen an. Um ein lebendiges kulturelles Leben in Offenbach zu erhalten, setzt der OB auf die Mithilfe der Bürgerinnen und Bürger: „Es liegt nicht allein an der Bundes-, der Landesregierung oder dem Magistrat. Am Ende wird es auf alle ankommen, alle müssen mit anpacken!“

Wo am besten spenden? 

Für den Hafen 2: www.gofundme.com/hafen-schultern, Geistertickets unter https://bit.ly/2UzsXVQ, Direktspende per Überweisung oder Paypal möglich – Infos auf der Webseite hafen2.net. Für den Digital Retro Park, den Wiener Hof und den Hafen 2 sind Gutscheine unter offenbach.help erhältlich. Unter kulturzeiterin.de ist seit Neuestem eine Spenden-Initiative für existenzbedrohte Kunst- und Kulturschaffende aus Frankfurt und Offenbach online. Die Künstlerhilfe Frankfurt will zudem Künstler aus der Region mit zwei Programmen unterstützen: kuenstlerhilfe-frankfurt.de. Offenbacher Vereine, die selbst eine Spendenaktion starten wollen und Hilfe brauchen, können sich an die Bürgerstiftung wenden: buergerstiftung-offenbach.de. Im Zweifelsfall: Für eine Spende direkt bei dem jeweiligen Verein anfragen.

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