Infotafel um Nazi-Verstrickung Hugo Eberhardts ergänzt

Offenbachs schwieriger Ehrenbürger

Die Büste von Hugo Eberhardt im Ledermuseum
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Die Texttafel unter der Büste von Hugo Eberhardt im Ledermuseum wurde um eine kritische Anmerkung ergänzt.

Als die Bayreuther Festspiele nach dem Krieg 1951 wiedereröffneten, hängte Wieland Wagner, einer der beiden Festspielleiter, ein Schild an die Tür: Von politischen Diskussionen sei abzusehen, „hier gilt’s der Kunst“. Der Umgang der tief in das nationalsozialistische Kulturgeschehen verstrickten Festspiele mit der brauen Vergangenheit war symptomatisch für den in der jungen Bundesrepublik: Auch in Offenbach wollte man einen „Neubeginn“ – der freilich so aussah, dass die NS-Vergangenheit größtenteils totgeschwiegen wurde.

Offenbach - Das fällt besonders im Fall des Ehrenbürgers Hugo Eberhardt auf: Dessen Wirken während der Zeit von 1933 bis 1944 wurde kaum thematisiert, der Blick richtete sich stattdessen auf die zweifelsohne bedeutenden Verdienste Eberhardts um Offenbach. Ohne ihn wären Ledermuseum oder auch die heutige Hochschule für Gestaltung nicht denkbar.

Erst rund ein halbes Jahrhundert nach Eberhardts Tod 1959 begann die wissenschaftliche Aufarbeitung von Eberhardts Wirken, die 2019 in der Veröffentlichung „Offenbach am Main. Kultur im Sog des Nationalsozialismus“ des Historikers Andreas Hanserts mündete. Hansert wies nach, dass Eberhardt sich aktiv den braunen Machthabern andiente, um seine Projekte, etwa die Kunstgewerbeschule oder das Ledermusum voranzutreiben. „Für sein Ledermuseum war Eberhardt bereit, alles zu tun“, erklärte der Historiker bei der Vorstellung des Buches.

Seit dieser Veröffentlichung wird in der Stadt um den angemessenen Umgang mit ihrem Ehrenbürger gerungen: Eine Straße ist nach ihm benannt, im Ledermuseum wird an prominenter Stelle mit einer von Heinrich Jobst geschaffenen Bronzebüste erinnert. Während die einen argumentieren, dass Eberhardt jeder Würdigung durch seine Kollaboration mit den Nazis verlustig gegangen sei, verweisen andere auf seine Verdienste und mahnen einen differenzierten Umgang an, indem die Würdigung erhalten bleibe, aber man gleichzeitig auf dessen zweifelhafte Rolle in der NS-Zeit eingehe. Im Februar lehnten die Stadtverordneten mehrheitlich eine Umbenennung des Hugo-Eberhardt-Weges ab, stattdessen möge die Stadt nach einem geeigneten Umgang suchen.

Wie dieser Umgang aussehen kann, dafür scheint das Ledermuseum nun die Blaupause zu liefern: Statt die Büste im Eingangsbereich zu entfernen, wird die dazugehörige Texttafel entsprechend ergänzt.

Der Text zur Büste im Ledermuseum

Die Texttafel im Ledermuseum wurde abgeändert: „Hugo Eberhardt gründete 1917 das Deutsche Ledermuseum in Offenbach am Main und leitete es über vier Jahrzehnte. Er baute die Sammlung auf und schuf ein weltweit einzigartiges Museum. 1953 wurde er Ehrenbürger der Stadt Offenbach. Neuere historische Forschungen geben Anlass zu einer veränderten Sicht auf Person und Werk. Eberhardt trat 1941 in die NSDAP ein und distanzierte sich von den jüdischen Förderern des Museums. Nach heutiger Bewertung pflegte er nachweislich zu enge Kontakte zu den nationalsozialistischen Machthabern.“

„Eine Entfernung von Denkmälern oder Erinnerungszeichen ist der Versuch, Geschichte zu korrigieren. Geschichte kann aber nicht verändert werden, man kann jedoch sehr wohl aus ihr lernen“, schreibt Winfried Nerdinger, Senatsmitglied des Ledermuseums und Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Nerdinger hatte vorgeschlagen, die Texttafel um einem kritischen Kommentar zu Eberhardts Wirken in der NS-Zeit zu ergänzen. Denn: „kritische Reflexion und ein damit verbundener Prozess der Aufklärung werden verhindert, wenn die materiellen Erinnerungszeichen aus dem öffentlichen Raum verschwinden.“

In Falle des Ledermuseums wird somit auf Aufklärung gesetzt. Museumsleiterin Inez Florschütz kündigte an, dass damit keinesfalls ein Schlussstrich unter das Thema gezogen sei, sondern man sich weiter kritisch mit der Vergangenheit des Hauses auseinandersetzen werde. Auch für den Hugo-Eberhardt-Weg oder vergleichbare Fälle könnte dieses Vorgehen Vorbildcharakter haben.

Von Frank Sommer

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