Innerer Abstand notwendig

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Rollstuhlrennen im Miniaturmaßstab scheint ein Spaß, der Generationen verbindet und Klienten, Angehörige sowie Mitarbeiter der Diakoniestation vereint.

Offenbach - Sie versorgt nicht nur Patienten, deren Zustand sich im Alter langsam verschlechtert und irgendwann im Sterben mündet. „Bei manchen geht es nur um zeitlich begrenzte Versorgung, bis sie nach einer Operation wieder auf dem Damm sind“, erklärt Silke Artelt (45). Von Stefan Mangold

Die stellvertretende Leiterin der Diakoniestation kommt gerade von der Arbeit. Ihr erster Termin stand um viertel nach sieben auf dem Dienstplan. Nun steht sie Rede und Antwort beim Tag der offenen Tür, den der Verein zur Förderung der Evangelischen Gemeindekrankenpflege auch deshalb initiierte, um vielleicht das eine oder andere neue Mitglied gewinnen zu können. „Schließlich sind in den letzten Jahren viele gestorben“, benennt Irene Wagner-Nube nüchtern den Grund des Schwunds.

Ursprünglich gründete sich der Förderverein, um Hilfsmittel für den Pflegebedarf zu finanzieren. Inzwischen bezahlt er auch Fortbildungen für den Umgang mit Dementen, beispielsweise bei aggressivem Verhalten. „Außerdem übernehmen wir auch halbe Stellen, um mehr Zeit für Demenzkranke aufwenden zu können“, erklärt Klaus Hillingshäuser (74), der Vorsitzende. Die speziell geschulten Pflegerinnen erkundigen sich bei Angehörigen über biografische Details. „Eine spielt mit der Klientin Klavier, eine andere ,Mensch ärgere dich nicht’.“ Wie unterschiedlich sich Demenz im Alltag auswirkt, beschreibt Vize-Stationsleiterin Artelt anhand ihres Großvaters, der im Alltag das meiste vergaß, „aber im Rommé alle abzockte“.

Der Dienst an der Ludo-Mayer-Straße versorgt mit 24 Mitarbeitern 110 Klienten. Was sich nach wenigen Angestellten für viele Bedürftige anhört. „Der Grad der jeweiligen Inanspruchnahme ist jedoch unterschiedlich“, relativiert Silke Artelt das Verhältnis. Zu manchen kommen die Schwestern nur einmal die Woche, etwa zum Assistieren beim Duschen oder Baden: „Die stammen aus der Generation, die samstags in die Wanne stieg und die Woche über den Waschlappen vorzog.“ Andere, die nach Schlaganfällen nur im Bett liegen, brauchen dreimal täglich Hilfe, die Angehörige nicht leisten können. „Schließlich sind die meist selbst nicht mehr die Jüngsten.“ Dennoch sehen viele Familien und alleinstehende Patienten zu, an Pflege nur das Notwendigste in Anspruch zu nehmen und den Rest selbst zu stemmen. Die Versicherung deckt nur einen Teil, „den Rest müssen die Angehörigen zuzahlen“.

Während der Dienstbesprechung tauschen sich die Pflegerinnen alle zwei Wochen aus. Wem etwas an die Nieren geht, der kann eine Supervision in Anspruch nehmen. „Man wächst in die Rolle hinein“, sagt Artelt. Trotz aller Empathie bedarf es eines inneren Abstands. Denn Menschen in Pflegeberufen sind automatisch mit Krankheit und Elend konfrontiert. Die Diplom-Pflegewirtin erzählt etwa von einem Mann, der jede Lebenslust verlor, aber noch Kraft und Antrieb hatte, sich aus dem Fenster zu stürzen. Die Tochter einer Klientin schaut vorbei. Vor acht Jahren holte Ute Seitz (73) ihre Mutter aus dem Rheinland nach Offenbach. Die litt damals durch eine Überdosierung von Herzmitteln an einer sogenannten Digitalisvergiftung. „Die von der Diakonie haben das wieder hinbekommen“, blickt Seitz zurück. Ihre mittlerweile 98-jährige Mutter kann nicht mehr laufen und bedarf einmal täglich fremder Hilfe. Zudem befindet sie sich am Beginn einer Demenz. „Sie sind aber neu hier“, bemerkte die Frau vor kurzem gegenüber einer Verwandten. Als die erklärte, ihre Enkelin zu sein, schlug die Großmutter vor: „Unter dem Umstand können wir uns ja auch duzen.“

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