Offenheit statt Missionierung

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Auf Sand gebaut - aber nur der Spielplatz: Die Kita der Frei-religiösen Gemeinde feiert ihren fünften Geburtstag mit einem Tag der offenen Tür.

Offenbach - An der Wand über dem runden, frisch gesaugten Teppich hängt der Regenbogen aus buntem Papier. Wer den Raum betritt, dem wird schlagartig klar, warum sich die Kinder die Regenbogengruppe nennen. Von Katharina Skalli

Doch beinahe wäre es anders gekommen und die 25 Kinder hätten auf den Namen „Matratzengruppe“ gehört. So ist das eben, wenn man demokratisch abstimmt. Vor allem, wenn man Kindern die Wahl lässt.

Diese Geschichte ist typisch für die Kindertagesstätte der Frei-religiösen Gemeinde zu Offenbach. „Jedes Jahr stimmen die Kinder neu über den Namen ihrer Gruppe ab“, verrät Kita-Leiterin Monika Lehmler. Für einige Kinder ist es das erste Mal, dass sie etwas mitbestimmen dürfen. „Das gehört zum Konzept und zur Frei-religiösen Überzeugung“, sagt Pfarrer Heinrich Keipp.

Seit September 2006 betreibt seine Gemeinde die Einrichtung in der Erlenbruchstraße hinter dem alten Schlachthofgelände. Es ist die einzige Kita, die von einer Frei-religiösen Gemeinde getragen wird. Das fünfjährige Bestehen feiert die Kita mit einem Tag der offenen Tür. Auch weil sie auf sich aufmerksam machen will.

Die Idee einer Kindertagesstätte entstand auf dem Mainuferfest 2004. Der damalige Oberbürgermeister Gerhard Grandke kam auf einen Kaffee an den Tisch der Gemeinde. Man kam ins Gespräch. Die Stadt war damals verpflichtet, neue Betreuungsplätze zu schaffen, und die Gemeinde dachte darüber nach, wie sie sich stärker in die Gesellschaft und die Stadt einbringen konnte. Gemeinsame Lösung: eine Kindertagesstätte.

Kinder fühlen sich pudelwohl

Ein Gelände war schnell gefunden; das 1,5-Millionen-Euro-Projekt nahm seinen Anfang. Mittlerweile schreibt die Kita schwarze Zahlen. Das Grundstück gehört der Gemeinde und das Wichtigste: 75 Kinder fühlen sich pudelwohl. Ihnen ist es egal, woran der Vorstand glaubt oder wie die Gemeindemitglieder beten. Sie freuen sich über die Nähe zu den Geflügelzüchtern, die Rutsche, die von der Terrasse in den Hof führt und die Kaulquappen im Gruppenraum.

Monika Lehmler kennt die Vorurteile vieler Eltern. „Entweder denken sie, wir seien Ungläubige oder von der besonders dogmatischen Sorte.“ Dabei sind die Mitglieder der Gemeinde sehr liberal. Sie verzichten auf Dogmen und feste Bekenntnisse und setzen auf Offenheit und Toleranz. Ein bewusster Umgang mit der Welt und den Menschen ist ihn en wichtig. „Uns ist jeder Missionsgedanke fremd“, sagt Heinrich Keipp. „Gerade das ist unsere Stärke.“ Auch Gemeindevorsitzender Ulrich Urban sieht es so: „Eine offene Weltanschauung ist Frei-religiöse Tradition.“

Der beste Beweis sind die 75 Kinder, deren Wurzeln auf der ganzen Welt zu finden sind. 23 Nationen und annähernd alle Glaubensgemeinschaften treffen sich zum Basteln, Essen, Lesen, Toben und zum Sternengruppen-Mittagsschlaf in der Erlenbruchstraße 35.

„Toilettenführerschein“

Im Erdgeschoss haben die Bären, die Schmetterlinge und eben die Kinder der Regenbogengruppe ihre Räume. Ordentlich hängen Jacken an der Garderobe, in kleinen Fächern warten die Hausschuhe auf ihren Einsatz am nächsten Morgen. Die Wände sind bunt tapeziert. Das Spielzeug steht ordentlich an seinem Platz. Ab 7.30 Uhr ist es von Montag bis Freitag vorbei mit der Ruhe. Bis 16.30 Uhr werden dann das Haus und der Spielplatz in Beschlag genommen.

Zehn Mitarbeiter kümmern sich um die Drei- bis Sechsjährigen. Toben mit ihnen im Hof, basteln mit ihnen kleine Knetfiguren, singen mit ihnen den Morgengruß und nehmen auch mal den „Toilettenführerschein“ ab. Eine Köchin und eine Hauswirtschaftskraft komplettieren das Team. Der vorgegebene Personalschlüssel wird erfüllt. „Wir liegen sogar drüber“, versichert Monika Lehmler.

Vor dem Bürofenster der Kita-Chefin ist in den vergangenen Monaten ein riesiges Mietshaus in den Himmel gewachsen. Auch auf der anderen Seite des Grundstücks herrscht Baustellenbetrieb. Als die Kita vor fünf Jahren eröffnet wurde, hatten sie Reiher und Enten zu Gast und konnten den Blick weit über das Gelände des ehemaligen Schlachthofs schweifen lassen. Das habe den Kindern gut gefallen. Doch auch der Baustelle können sie was abgewinnen. Bagger, Kräne und jeden Tag sieht es ein bisschen anders aus.

Notrutsche zweckentfremdet

„Der Neubau nimmt zwar Sonne, spendet aber auch Schatten“, sagt Monika Lehmler. Ihr, Pfarrer Keipp und Ulrich Urban gefällt der Standort immer noch. Ausflüge zu den Spielplätzen in der Umgebung gehören zum festen Programm. Lieblingsziel aber ist das nahgelegene Gelände der Geflügel- und Kleintierzüchter.

Donnerstags indes will keiner raus. Donnerstag ist Rutschentag! Dann wird die Notrutsche von der Terrasse zweckentfremdet und jedes Kind darf einmal hinabsausen, in den weichen Sand. Der Garten lockt mit Klettergerüsten, Trampolin, Kräuterbeet, Steinkreis für Aufführungen, Wippe, Wasserpumpe und mehr. Ein kleiner Apfelbaum wird gehegt und bei Festen wird der große Brotofen angeworfen.

Auch am Tag der offenen Tür am, 28. Mai, lockt die Kita mit Kuchen, Kaffee und Saft. Von 9 bis 12 Uhr dürfen Neugierige, Nachbarn und junge Eltern einen Blick in das Haus mit den bunten Kristallkugel an der Fassade werfen. Die Mitarbeiter beantworten Fragen und Platz auf der Warteliste für Sommer 2012 gibt es auch noch.

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