Notizbuch der Woche: Ohne Bälle und Backpfeifen

Offenbach - Fußball wird nicht gespielt, wenn sich 71 Stadtverordnete alle vier Wochen im Rathaus treffen. Das ist einerseits schade, weil so ein Spielchen sicher nett anzuschauen und der Unterhaltungswert höher wäre als bei den bislang praktizierten Rededuellen. Von Alexander Koffka

Auch der Parlamentsberichterstattung eröffneten sich neue Möglichkeiten: „71. Minute, Schneider flankt, Reichenbach verlängert, Isser köpft und - Lehmann rettet. Das war knapp.“ Und nach 90 Minuten pfiffe ein Schiedsrichter ab.

Ja, das würde uns Spaß machen. Einerseits. Andererseits bleibt uns dank der fußballerischen Abstinenz manches erspart - Backpfeifen unter Mannschaftskameraden zum Beispiel. Die Nationalmannschaft lieferte am Mittwoch in Wales das mahnende Beispiel, als Lukas Podolski seinem Kapitän Michael Ballack mal eben eine scheuerte. Dagegen ging es am nächsten Tag in Offenbach geradezu gesittet zu beim Schlagabtausch zwischen den Mannschaftskameraden - äh, Koalitionspartnern - Horst Schneider und Oliver Stirböck. Der eine ist zwar nicht der Kapitän des anderen. Aber ähnlich ist das Verhältnis schon. Das merkt man daran, dass der eine immer von „dem Oberbürgermeister“ spricht und der andere immer von „dem Olli“. Wahrscheinlich haben sich Stirböck und Schneider etwa so lieb wie Podolski und Ballack.

Aber je länger wir darüber nachdenken, umso zufriedener sind wir damit, wie es ist: Lassen wir Ballack und Podolski weiter kicken und ab und zu halt auch mal Ohrfeigen verteilen und Schneider und Stirböck weiter argumentieren und streiten. Die Leidenschaft, die die einen wie die anderen bei ihrem jeweiligen Handwerk an den Tag legen, ehrt sie alle. Tatsächlich zählte die Debatte über Weltwirtschaftskrise und die künftige Haushaltspolitik in Offenbach zu den spannenderen Momenten der Lokalpolitik. Es ist ein Gewinn für Demokratie und öffentliche Meinungsbildung, wenn Differenzen zwischen politischen Bündnispartnern nicht immer nur hinter verschlossenen Türen ausgetragen werden. Schließlich geht das Ringen um den künftigen Kurs der Stadt alle an.

Daher unser Appell an Stirböck und Schneider: Macht es wie Ballack und Podolski, streitet euch ruhig weiter vor aller Augen und Ohren. Dann sind wir sogar bereit, auf Fußbälle und Ohrfeigen zu verzichten.

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