Ohne das Kratzen der Platte

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Noch schnell ein Foto, noch langsam etwas New Orleans Jazz: das Jazzpicknick im Büsingpark.

Offenbach - Ihre Blicke treffen sich. Worte sind nicht nötig. Ein kurzes Nicken verrät, dass sich die Musiker einig sind. Sie spielen Jazz. Sie spielen ohne Noten. Das erfordert Können, Intuition, Abstimmung. Von Isabel Winkler

Es eröffnet aber auch die Freiheit, zu interpretieren und der Musik etwas Eigenes zu geben.

Zum 14. Jazzpicknick vor der Löwenterrasse im Büsingpark hatte der Jazz e.V. am Samstag gebeten. Musikalisch gefüllt wurde der Abend von dem „St. Philips Street Quintett + One“. Die Band um Jutta Klauer (Kontrabass), mit Harald Blöcher (Posaune), Klaus Pehl (Klarinette, Saxophon), Dominik Dötsch (Piano), Tom Schilp (Schlagzeug) und Gast Alex Friedrich (Gitarre, Banjo), ließ den New Orleans Jazz wiederaufleben.

Originalaufnahmen aus der frühen Zeit dieser Stilrichtung sind rar. Erst, als Georg Lewis und Bunk Johnson 1944 wieder aktiv wurden, entstanden Tonträger. Die Musiker lebten in der St. Philips Street in New Orleans, Hausnummer 827. Sie spielten Blues, aber auch Spirituals. Eine noch ältere Musikrichtung, wie die Bassistin erklärt. Kirchenmusik, die auch auf Familienfeiern gespielt wurde.

Auf der Löwenterrasse im Hintergrund der kleinen Bühne sammelt sich eine solche Gruppe an. Von den Jazzklängen aus einem festlich geschmückten Saal gelockt. Die schicken Kleider verraten, dass sie wahrscheinlich eine Hochzeit feiern. Das veranlasst Jutta Klauer, die Gesellschaft zu einem Tänzchen aufzufordern. Es handele sich ja ursprünglich um Tanzmusik, die nicht von „hektischen Beats“, sondern von einer fortwährenden Melodie geprägt seien.

Auf der anderen Seite der Bühne landet ein heller Bastkorb auf dem Tisch. Er ist grob geflochten. Die Dame, die ihn mitgebracht hat, packt nach und nach aus: große Stücke Käse, eingelegte Oliven, Paprika, Salami, Baguette, Teller und Besteck. Viele kennen sich, das Mitgebrachte wird rumgereicht. Ja, das Wetter könnte besser sein, wie bei so vielen Open-Air-Veranstaltungen in diesem Jahr. Die laue Sommernacht, die zum Tragen schöner Kleider anregt, in der man seine Füße barfuss ins Gras stellen könnte, bleibt aus. Aber die Zuhörer wärmen sich. Mit Pullovern, Wachsjacken, Regenschirm. Aber auch an Stücken von Jelly Roll Morton, Paul Barbarin und Louis Armstrong („Shine“). Sie hören Musik, die so authentisch klingt, dass nur noch das Kratzen der Platte fehlt, um sie vollkommen in die Zeit einzuordnen, in der sie entstand. Mal gemächlich, mal maschierend bis hin zu einem lebhaft-explosiven Ausdruck.

Den Jazz zu hegen und zu pflegen, liegt ihnen am Herzen. Die Begeisterung und Leidenschaft ist spürbar. Nicht nur die der Band, auch die der Zuhörer. Als die Dunkelheit das warme Licht, in das die Band getaucht ist, deutlicher werden lässt und das Büsingpalais im Hintergrund seine Qualitäten als Kulisse entfaltet, dient der Regenschirm als Halter des Jacketts und die grauen Wolken am Himmel sind vergessen. Ein entspannter Jazzabend neigt sich dem Ende.

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