Oktober-Fieber im Ostpol

Offenbach - Unruhe im Gründerparadies Offenbach: Weil die Bundesagentur für Arbeit in den nächsten vier Jahren siebeneinhalb Milliarden Euro sparen muss, wird der von den Agenturen vor Ort gewährte Gründerzuschuss ab nächstem Monat um rund 75 Prozent eingedampft. Von Marcus Reinsch

Arbeitslose mit Geschäftsideen, die sich mittels staatlichem Finanzschub eine Existenz als Selbstständige aufbauen wollen, wird das außer Geld auch Zeit und einigen Optimismus kosten.

Und im Gründercampus Offenbach, dessen Berater der Stadt dank ihrer Künste als Zuschuss- und Wissensvermittler neben dem eher dekorativen Titel „Gründerstadt Nr. 1“ auch einen guten Ruf als Startrampe beschert haben, zeigt man sich „geschockt“. Jammern, versichert Ostpol-Sprecher Lars Kissner, komme aber nicht in Frage. Er ruft zum Endspurt auf die Zuschüsse auf.

„Jammern kommt nicht in Frage“

Die Bundespolitik verpasst Gründungswilligen drei Schläge. Der grundsätzlichste und damit schmerzhafteste wird wohl der Wandel des Gründungszuschusses von einer Pflicht- zu einer Ermessensleistung sein. Heißt: Ein Geschäftsmodell, das die so genannte Tragfähigkeitsprüfung bestanden hat, wird schon in wenigen Wochen keine Garantie mehr dafür sein, dass die Vermittler der Arbeitsagenturen den Zuschuss auch gewähren. „Es ist dann nur noch eine Kann-Leistung“, bedauert Kissner, der bei den zum Geizen gezwungenen Agenturleuten vor allem anfangs „Verunsicherung“ fürchtet.

Viele Arbeitslose, die sich als Selbstständige ausprobieren wollen, werden also vielleicht gar nicht erst soweit kommen, sich über einen weiteren Einschnitt zu ärgern: die Verkürzung des Förderzeitraums. Dessen so genannte Höchstphase, während der der Gründungszuschuss dem bisherigen Arbeitslosengeld plus 300 Euro entspricht, dauert ab November nur noch sechs statt heute neun Monate. Danach beginnt dann die, im Gegenzug um drei auf neun Monate verlängerte, zweite Phase mit pauschal nur noch 300 Euro monatlich.

Änderung drei kann schon viel früher das Aus für Gründerträume bedeuten. Bisher musste ein Gründer noch mindestens 90 Tage Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, um einen Gründungszuschuss bekommen zu können. Künftig werden das 150 Tage sein. „Wer gründen will“, erklärt Dr. Bernd Curtius vom im Ostpol mit anderen Initiatoren vereinten Beratungsunternehmen KIZ, „muss sein Vorhaben künftig deutlich früher beginnen und hat weniger Zeit für die Vorbereitung.“

Zusätzliche Tage durch selbst verschuldete Bummelei zu verlieren, wäre also gerade in Erwartung des nahenden finanziellen Liebesentzugs verhängnisvoll. Im Ostpol (Hermann-Steinhäuser-Straße 43-47) ist längst eine Art Oktober-Fieber ausgebrochen. Alle Berater sind von morgens bis abends in Gesprächen, ermuntern zu Entscheidungsfreude, senken Hemmschwellen ab. Am heutigen Donnerstag steht um 18 Uhr eine Informationsveranstaltung an, bei der die Änderungen und ihre Auswirkungen auf die Pläne Offenbacher Gründer erklärt werden (Anmeldung: Katja Hebel, Telefon  069 6677960, kh@ostpol-gruendercampus. de). Das Interesse, meldet Kissner, sei groß; der Abend habe bereits vom kleinen Konferenz- in den größeren Seminarraum verlagert werden müssen. Wer schon mitten im Prozedere steckt, erfährt hier, was er jetzt unbedingt dringend erledigen muss. Und selbst für neue Anwärter reiche die Zeit wohl noch, um die Förderbedingungen zu schaffen.

Die Gründungsförderer, sagt Dr. Curtius, seien natürlich „wenig begeistert“ von der Nachricht aus Berlin. Die Kürzung, glaubt Kissner, könne die „Verlängerung der Arbeitslosigkeit“ von Gründungswilligen zur Folge haben. Am Angebot im Gründercampus werde so ein Rückschritt natürlich nicht rütteln. Das werde gebraucht, wie das Interesse an den Beratungen, an Netzwerkrunden, dem Erfahrungstransport dienenden Unternehmer abenden, der Profitlounge und der Vermittlung von Zuschüssen und auch Räumen zeige.

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