Bürgelerin Ursula Weiß in einem Buschdorf

„Oma, wann kommst du wieder?“

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Abseits der Touristenpfade hat die Bürgelerin Ursula Weiß vor drei Jahrzehnten ein kleines Buschdorf in Kenia entdeckt und deren Bewohner schätzen und lieben gelernt. So sehr, dass sie danach jedes Jahr dorthin reiste und bei den Einheimischen zum anerkannten Familienmitglied wurde. Die bewegende und einzigartige Geschichte einer weißen Frau in Afrika.

Offenbach - Abseits der Touristenpfade hat die Bürgelerin Ursula Weiß vor drei Jahrzehnten ein kleines Buschdorf in Kenia entdeckt und deren Bewohner schätzen und lieben gelernt. So sehr, dass sie danach jedes Jahr dorthin reiste und bei den Einheimischen zum anerkannten Familienmitglied wurde. Von Fabian El Cheikh

Jefwa ist tot. „Einfach gestorben, ohne sich zu wehren. “ Ursula Weiß sitzt im gemütlichen, abgenutzten Sessel ihres Bürgeler Wohnzimmers, blättert in ihrem Buch, das sie nie veröffentlicht hat. „Das konnte ich nicht, ich hätte mich nicht gut gefühlt, all die Geheimnisse, die Rituale und Gedanken dieser Menschen preiszugeben. “ Es wäre ein Vertrauensbruch – unvorstellbar für die 74-Jährige, die auf den 130 Seiten auch einen sehr bedeutenden Teil ihres Lebens zu Papier gebracht hat. „Nur dafür habe ich mir einen Computer zugelegt. “.

Noch immer wird sie traurig, wenn sie an Jefwa denkt, ihren „afrikanischen Sohn“, den sie vor mehr als 30 Jahren im kenianischen Busch kennen und lieben gelernt hat. Tausende Kilometer trennten sie, und doch waren und sind sie auf ewig verbunden. Über den Tod hinaus. Es ist eine ganz besondere Geschichte, eine sehr bewegende. Sie beginnt im Jahr 1981. Damals verbringt Ursula Weiß ihren ersten Urlaub in Kenia. Auf einer Buschtour lernt sie in einem Dorf den halbwüchsigen Jungen Jefwa kennen. „Am Anfang war Marafa nur ein Name für mich, der Name eines Buschdorfs in Kenia, irgendwo“, diktiert sie seinerzeit einem Reporter der Offenbach-Post ins Notizbuch. „Am Anfang war es vielleicht Abenteuer. Heute ist mir das Dorf ein lieber, vertrauter Platz, und mit den Menschen dort verbindet mich mehr als Freundschaft.“

Großer Kontrast zum kargen Leben

Buschmäuse fürs Mittagessen: Jefwas Vater kommt zurück von einer erfolgreichen Jagd.

Der Abstecher von den komfortablen, ja dekadenten Ferienresorts am Indischen Ozean in den wilden Busch Afrikas führt die weiße Frau aus dem fernen Europa zu den Giriamas, einem lebenslustigen, rückständigen Volk, welches das Hinterland der Küstenstadt Malindi besiedelt. Dort entdeckt sie „ihr Afrika“. Ein pfiffiger Giriama-Junge steckt ihr seine Adresse in die Tasche. „Marafa! Sicher würde ich es nie wiedersehen, dachte ich damals.“ Sie irrte sich gründlich. Der Brieffreundschaft folgen viele weitere Begegnungen. Jedes Jahr reist Ursula Weiß drei Wochen nach Kenia, anfangs in ein Hotel. „Aber dort habe ich mich nie wohl gefühlt, der Kontrast zu dem kargen Leben im Busch war einfach zu groß. Bald habe ich jedes Jahr meinen Urlaub bei Jefwas Familie verbracht, in einer einfachen Hütte ohne Strom und Wasser, mitten in der Natur.“

Durch einen Bericht in unserer Zeitung bekommt die weltoffene, sympathische Bürgelerin, die sich ob ihrer Afrika-Sehnsucht selbst manchmal als „ein wenig verrückt“ bezeichnet, viel Zustimmung von Lesern. So kommt eine kleine private Hilfsgruppe zustande, die mit ihr nach Kenia reist. Auch Spenden gehen ein, „eine regelrechte Flut kam ins Rollen“, so dass die Offenbacher Gruppe Schulen mit Lehrmaterial unterstützen, ein halbfertiges Schulgebäude fertigstellen, eine Wasserzisterne bauen und Tanks aufstellen kann, die das Regenwasser auffangen.

Ein Zauberer droht

Ein nicht unproblematisches Engagement: Der Zauberer im Ort droht sie zu vergiften, wenn er nicht auch Wassertanks erhält. Als sie im nächsten Jahr zurückkehrt, ist der Wassertank verschwunden, die Regenrinnen abmontiert. „Ich dachte erst, das war der Zauberer, aber es war der Pastor. Er hat das Dorf verlassen und alles mitgenommen mit der Begründung: Was an meiner Kirche ist, das gehört auch mir.“

Ursula Weiß bei ihrem ersten Besuch in Kenia 1981. Heute tragen viele Ureinwohner zerlumpte Hosen und Shirts. „Diese Menschen haben dadurch ihre Würde verloren“, bedauert die Bürgelerin.

Das alles ist schon viele Jahre her, resümiert Ursula Weiß. Doch immer wieder wird sie auch nach so langer Zeit noch gefragt, was eigentlich aus ihren afrikanischen Freunden und ihrer Familie geworden ist. „Da Jefwa im gleichen Alter war wie mein Sohn, war er für mich mein afrikanischer Sohn.“ Als nach seiner Heirat sein erster Sohn Bahati zur Welt kommt, legt er ihr das Baby in den Arm mit den Worten: „Er gehört dir, mein erster Sohn ist ein Geschenk für dich. Nimm ihn mit nach Deutschland – oder lass’ ihn hier. Wenn du ihn nimmst, weiß ich, dass es ihm gut geht.“ So kommt die heutige Rentnerin sogar zu einem „afrikanischen Enkel“. Zur Geburt schenkt sie ihm zwei Ziegen, „als Sparbuch mit Zinsen sozusagen“.

Leider hat sich nach mehreren Jahren die kleine Hilfsgruppe aufgelöst, teils durch Krankheit, teils durch finanzielle Schwierigkeiten. „Für mich aber ging’s weiter.“ Ursula Weiß wird zum Familienmitglied. „Ich durfte an geheimnisvollen Zeremonien teilnehmen und habe viel von den alten Traditionen gelernt, die sonst Weißen verborgen bleiben.“ Obwohl es oft hart ist und an die Grenze ihrer körperlichen und psychischen Belastbarkeit geht, verbringt sie im Busch stets eine wunderbare Zeit, die ihr weiteres Leben prägt. „Wenn man für eine Tagesration von fünf Litern Wasser weit laufen muss, weiß man zu schätzen, wie gut es uns geht, und betrachtet das Leben hier nicht als Selbstverständlichkeit.“

Jefwa ist gestorben

Im April 1999 erreicht sie eine Schreckensnachricht aus Kenia: Jefwa ist gestorben. „Er wurde von seiner Geliebten vergiftet. Kein Arzt war da, der einen Totenschein ausstellte, keine Polizei, nichts“, sagt sie immer noch kopfschüttelnd. Jefwa ist ermordet und am nächsten Tag vor seiner Hütte begraben worden. „Obwohl der Mord vor Zeugen begangen wurde und die Mörderin bekannt war, hat niemand etwas gegen sie unternommen. Jeder hatte Angst, von ihr verhext oder verzaubert zu werden. Dieser Glaube ist in Afrika noch immer weit verbreitet und sehr gefährlich.“

Auch Jefwa soll sich nicht gewehrt haben. „Er saß einfach nur ruhig da und sagte: Wenn’s ans Sterben geht, so bin ich nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein. Wenn meine Stunde gekommen ist, so muss ich gehen.“ Er geht und hinterlässt eine schwangere Frau und vier Kinder. „Der Tod ist allgegenwärtig bei den Giriamas“, schildert Ursula Weiß. „Auch mir wurde gesagt: Wenn du hier stirbst, ist für alles gesorgt. Zwölf Ziegen wären meine Opfergabe.“

Ursula Weiß stöbert in ihren Erinnerungen. Auf einem Tisch im Wohnzimmer hat sie hölzerne Anhänger aufgereiht, die Schutz vor bösen Geistern bieten sollen. Die Künstlerin hat Natursteine bemalt und Bilder mit afrikanischen Motiven geschaffen, die sie zum Verkauf stellt, mit nur einem Zweck – die Ausbildung von Jefwas Sohn Bahati zu finanzieren. „Für mich war es selbstverständlich, dass die Familie Unterstützung brauchte. Jefwa war der Einzige, der lesen und schreiben konnte.“

Viele Steine im Weg

Jefwas Mutter auf dem Weg zum Wassertümpel mit dem kleinen Bahati auf dem Rücken.

Dafür musste die Rentnerin durchaus einige Steine aus dem Weg räumen: „Es gibt keine Postbox, kein Konto, keine Möglichkeit etwas zu schicken. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Im Dorf, erzählt sie, gab es einen belgischen Missionar, dessen Konto sie für Überweisungen nutzen durfte. Ihr selbst ist es wegen gesundheitlicher Probleme für längere Zeit nicht möglich gewesen, nach Kenia zu reisen. „Aber mit Vater Bens Hilfe konnte ich meinem Enkel den Besuch der Secondary School ermöglichen. Bald schrieb er mir selbst Briefe auf Englisch.“

Nach langer Pause, in der sie in ständigen Kontakt bleiben, reist Ursula Weiß vor fünf Jahren endlich wieder zu ihrer Familie. „Bahati ist inzwischen ein hübscher junger Mann, klug und fleißig und darauf bedacht, etwas zu lernen. Ich bin richtig stolz“, berichtet sie. Da sie nicht zu Jefwas Begräbnis kommen konnte, feiert die ganze Familie nach langer Zeit ein traditionelles Totenfest für ihn. „Eine Nacht lang trommelte und tanzte man, ja, man schüttelte mir die Hand mit Beileidsbekundungen, mein Sohn war gestorben. Endlich sei ich gekommen, man hatte so lange auf mich gewartet.“

Sie weiß nicht, wann sie wieder nach Kenia reisen kann. „Es ist mein sehnlichster Wunsch, aber das Leben im Busch ist eine enorme körperliche Strapaze.“ Ihr Enkel Bahati schreibt ihr immer: „Oma, wann kommst du wieder? Wir warten auf dich!“

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