Orchester ist Großfamilie

+
Das Offenbacher Urgestein Heinrich Krausch ist seit August 81 Jahre alt, steht mehr als 75 Jahre auf der Bühne und dirigiert sein Orchester der Volksarbeit seit 60 Jahren.

Offenbach - Seit August ist er 81 Jahre alt, steht mehr als 75 Jahre auf der Bühne und dirigiert sein Orchester der Volksarbeit seit 60 Jahren. Von Reinhold Gries

Das Offenbacher Urgestein Heinrich Krausch erwähnt dies nicht bei der Ansprache zum Orchesterkonzert in der vertrauten Josefskirche am Friedrichsweiher, bedankt sich freundlich für den Besuch und bittet um Verständnis für kleinere Organisationsprobleme. Dann lässt er es im Kirchenraum lichter werden, schreitet noch einmal zum Mikrofon, rückt das Dirigentenpult zurecht. Etwas vornüber gebeugt steht er am Pult, setzt seine Brille auf und wirft lächelnde Blicke in die Orchestergruppen, aus denen ähnlich freundliche Blicke auf den väterlichen Mentor zurückfallen. Man sieht es: „Heiner“ Krausch wird von den Seinigen auch geliebt. An Festtagen ist es kein Zufall, wenn man im familiären Rahmen feiert. Dann richtet sich Krausch auf, ohne Imponiergehabe geht es los.

Die Einsätze stimmen bei den konzentriert wirkenden Instrumentalisten zwischen zwölf und Mitte 80, denen es eine Freude ist, dort mitzuwirken. Trotz knapper Probezeit mit den Solisten schwingt Krauschs rhythmischer Taktschlag selten energisch. Seine Musiker werden sanft geleitet, Laienmusiker und Halbprofis können gedeihen und wachsen.

Seltenes Händel-Werk in St. Paul

Mit einem besonderen musikalischen Ereignis wird am Sonntag, 20. September, um 18 Uhr in der katholischen Pfarrkirche St. Paul, Kaiserstraße 60, das 250. Todesjahr des Barockkomponisten Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) begangen. Dort wird in einem chorübergreifenden Projekt vom Vocal Ensemble Frankfurt (Einstudierung: Monika Gößwein-Wobbe) und dem Offenbacher Oratorienchor ein relativ selten zu hörendes weltliches Oratorium in englischer Originalsprache aufgeführt, „Das Alexander-Fest oder Die Kraft der Musik“. Begleitet werden die Chöre vom Collegium Instrumentale Offenbach, einem Ensemble, das sich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hat.

Als Solisten wurden Birgit Auweiler (Sopran), Nils Stefan (Altus), Thorsten Klingelhöfer (Tenor) sowie Ronny Rickfelder (Bass) verpflichtet. Die musikalische Leitung hat Regine Marie Wilke.

Die inhaltliche Grundlage des Oratoriums bildet der historisch-antike Stoff um Alexander den Großen. Der politische Großherrscher wird jedoch nur als Spielball in den Händen des eigentlichen Helden dargestellt. Dies ist der Sänger Timotheus, dem Alexander durch die Kraft seiner Musik unterliegt.

Zur Anregung der Konzertbesucher, aber auch als eine Art Leitfaden durch die Handlung ist eine Video-Projektion von Hjü Neumann zu sehen.

Eintrittskarten im Vorverkauf sind bei den üblichen Stellen erhältlich.

Wer bei dem zur Hälfte aus Offenbachern bestehenden Klangkörper aus Frankfurt eher laienhafte Töne erwartet, sieht sich getäuscht. Zu Ehren des vor 250 Jahren verstorbenen Musikgenies Georg Friedrich Händel lässt die 20-jährige Frankfurter Kunststudentin Linda Daniela Sieber an ihrer goldglänzenden Konzertharfe aus Dresden ihr Talent aufblitzen. Die Solistin des Jugendsinfonieorchesters in Hessen steht am Anfang ihrer Karriere, spielt Orgel und Harfe „überall, wo sie gebraucht wird“, hat sich noch nicht zum Musikstudium durchgerungen. Dank ihrer perlenden Läufe und Souveränität wähnt man sie im fortgeschrittenen Semester. Auch hochmelodisch gezupfte wie gestrichene Violineinsätze des Händel-Konzerts für Harfe und Orchester B-Dur Op. 4 wirken zauberhaft duftig, trotz der Überakustik, gegen die aufgestellte Schallwände helfen sollen. Das fast französisch wirkende Kabinettstück wird ebenso kräftig beklatscht wie die reizvollen Klangbilder von Wolfgang Amadeus Mozarts nächtlicher Abendmusik „Serenata notturna“, bei dem Krauschs zwölfjähriger Enkel Benjamin Rudin dezent auf die Pauken haut.
Über akustisch bedingte Abstimmungsprobleme geleitet Krausch hinweg, denn er ist froh, dass sein Orchester in der Josefskirche eine feste Bleibe für große Aufführungen hat. Zudem helfen so begabte Streicher wie Martin Camphausen, die Ärztin Sabine Utsch und deren Tochter Annegret. Auch der erfahrene Kontrabassist Artur Hartmann ist wieder einmal eingesprungen. Undenkbar wäre Heiner Krauschs Erfolgsgeschichte jedoch ohne das ständige „Orchestermanagement“ von Ehefrau Christine.

Dann folgt der Höhepunkt des Konzerts, „vielleicht des letzten in dieser großen Form“, deutet Christine Krausch an. Beim Konzert Nr. 1 d-moll für Oboe und Orchester des frühklassischen Mannheimer Komponisten Ludwig August Lebrun zeigt Solist Martin Sobotzik eine Glanzleistung. Unglaublich, dass er seine hochprofessionelle Oboenkunst nicht hauptberuflich betreibt. Dies hören auch die Zuhörer und klatschen sich die Hände wund. Das zunehmend professionelle Niveau euphorisiert den Kapellmeister, der vor dem Konzert vor Lampenfieber kaum ansprechbar gewesen ist.

Statt Musikstudium zunächst väterliche Schlosserei übernommen

Mozarts Allegro der Kirchensonate C-Dur zur „Krönungsmesse“ gerät – auch in der Zugabe – temperamentvoll und schmissig. Krausch ist in seinem Element, das er in Nachkriegszeiten nicht zur Profession machen durfte. Statt Musikstudium übernahm er die väterliche Schlosserei gegenüber dem Ledermuseum. Wohlwollend geht der Dirigentenblick hinüber zum 14-jährigen Florian Rudin an den Pauken, einem weiteren Enkel aus der Musikerdynastie, vervollständigt durch Krauschs Tochter Brigitte Rudin an der E-Orgel. Zur Verstärkung hat die Musiklehrerin drei Marienschülerinnen mitgebracht, die ihr Oboen- und Trompetenhandwerk blendend verstehen.

Trotz großen Beifalls mischt sich in Krauschs Freude Bitternis; bemüht er sich doch seit einiger Zeit vergeblich, einen Nachfolger zur Weiterführung seines Orchester-Lebenswerks zu finden. Sohn Peter ist schon stark mit diversen Chören beschäftigt, Tochter Brigitte als dreifache Mutter, Lehrerin und Mitarbeiterin ihres Komponistengatten mehr als ausgelastet. Vielleicht kann dem Manne ja geholfen werden, auch vom Kulturmanagement der Stadt.

Kommentare