Orient im Ledermuseum

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Arabische Schriftzeichen auf getrockneten Rosenbättern zeigt eines der Kunstwerke von Hasan Temiztürk.

Offenbach ‐ Oft liegt der Pfiff bei der Kunst im Verbot. Im Islam entwickelte sich schnell ein religiös begründetes Verbot, das für Bilder gilt. Zwar gibt es dazu unterschiedliche Auffassungen in der muslimischen Gelehrtenwelt, doch generell lautet das Credo: Der Mensch darf Lebewesen nicht in Bilder fassen. Von Stefan Mangold

Weil es die Künstler dennoch weiter drängte, sich mit Stift und Feder auszudrücken, entstand die einmalige Kunst der Ornamentik, der vielen besonderen Schnörkel in der Architektur und der Kalligrafie in der arabischen Welt. In dieser Tradition sieht sich der Offenbacher Kalligraf Hasan Temiztürk, der 1969 im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern aus der Türkei in den Spessart zog.

Am Sonntag eröffnet Oberbürgermeister Horst Schneider im Ledermuseum an der Frankfurter Straße 86 um 11.30 Uhr die Ausstellung „Marrakesch – Zwischen Moderne und 1001 Nacht“. Ausstellen werden Temiztürk und der Offenbacher Peter Menne. Dieser kommt künstlerisch aus einer ganz anderen Richtung, er bildet mit seiner Fotografie das ab, was Temiztürk meidet: Menschen. Seine Fotoreihe an der Wand fängt in der marokkanischen Wüste an und lässt „die Menschen das Land in die Stadt bringen,“ sagt Menne. Die führen Esel durch Marrakesch oder fahren mit dem Moped ein Schaf durch die Straßen.

Temiztürk ist gläubiger Moslem

Ausführlich hält der Fotograf Szenen auf den Märkten von Marrakesch fest. Ein Ziel der Schau sei es, „den zahlreichen Zuwanderern aus Marokko ein Gefühl für die Kultur ihrer eigenen Herkunft zu geben,“ formuliert Museumsdirektor Dr. Christian Rathke. Das Haus sieht er dafür ohnehin als geeigneten Platz: „Schließlich ist gerade Marokko eins der wichtigsten Zentren für die Verarbeitung von Leder.“

Temiztürk ist gläubiger Moslem. Wie in den beiden anderen abrahamitischen Religionen gilt im Islam Gott als Schöpfer der Welt, weshalb sich Allah im Detail seines Werks widerspiegelt. Auch in einem Stück Holz, das Temiztürk in der Toskana fand und verarbeitete. Kunstvoll schrieb er die Wörter „Ya Sabara“ in arabischen Buchstaben darauf, was „Gott, Du Geduldiger“ bedeutet. Der Kalligraf benutzt viele natürliche Stoffe, etwa Rosenblätter. Ein diffiziles Unterfangen: Zum einen brauchen die Blätter zwei Jahre, um verwendbar zu trocknen. Zum anderen ließ sich die Farbe bei den ersten Versuchen nicht auftragen. Schließlich erinnerte sich Temiztürk, von einem Gemisch aus Tinte und Honig gelesen zu haben. Mit diesem lassen sich Blütenblätter trefflich beschriften.

Rosenblätter unter einer Glasplatte

An den Bildern Mennes fallen besonders manche Gegensätze zwischen Tradition und Moderne ins Auge: Ein Wasserverkäufer gibt einem Müllmann einen Becher. Der Händler ist gekleidet wie seine Vorfahren vor hunderten Jahren, in ein hellrotes Gewand mit einer überdimensionalen, vielfarbigen Kopfbedeckung. Der Müllmann hingegen trägt einen orangenen Schutzanzug, wie er auch in Offenbach im Straßenbild auftaucht. Das Bild gefällt Direktor Rathke besonders, „weil im inhaltlichen Gegensatz die Farben harmonieren“.

Temiztürks Rosenblätter sind unter einer Glasplatte zu sehen. „Sie zerfallen nach einer gewissen Zeit,“ spricht der Künstler aus Erfahrung. Auf einem Blatt steht die orientalische Liebesgeschichte von Layla und Madsch nun, die, wie alle Liebesgeschichten der Weltliteratur, tragisch und unerfüllt endet. Auf demselben Blatt ist auch in mehreren Sprachen das Wort „Liebe“ aufgezeichnet – ein passender Schriftzug für einen so vergänglichen Untergrund...

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