Pädagogische Idee bewahrt

+
Markenzeichen begrünte Fassade: Schulleiter Ulrich Schmidt vorm 1911 erbauten Albert-Schweitzer-Gymnasium.

Offenbach - Gleich beim Durchschreiten des Torbogens an der Waldstraße schießen die Erinnerungen in den Kopf: An den Erdkunde-Pauker, der an einem Wintermorgen dem Sechstklässler einen Eintrag ins Klassenbuch verpasst hat, weil der nicht rechtzeitig vom Rad gestiegen ist. Von Matthias Dahmer

An die Musiklehrerin, die regelmäßig den Stresspegel erhöhte, weil selbst der Untalentierteste vor der versammelten Klasse singen musste. Doch man würde diesem altehrwürdigen Albert-Schweitzer-Gymnasium Unrecht tun, wenn man verschwiege, dass es auch und vor allem Spaß gemacht hat. Dass man am Ende die Schule mit einer gar nicht mal so schlechten Abi-Note verlassen hat und sogar behaupten kann, dort habe man was fürs Leben gelernt.

Vielleicht hat’s auch an dem 1911 errichten Gebäude gelegen, dieser dem Stil eines Renaissanceschlosses nachempfundenen Anlage, die sich so wohltuend von den kahlen Zweckbauten späterer Schulen unterschied. Und das noch immer tut, wie Schulleiter Ulrich Schmidt beim Rundgang zeigt. Trotz An- und Umbauen sind sie geblieben, die verwinkelten Gänge, die breiten Treppenaufgänge, die verschwenderisch hohen Decken, die vermutlich dazu beigetragen haben, dass der Geist nicht eingeengt wurde an der ASS.

Mit Recht stolz ist Schmidt etwa auf die schön restaurierte alte Turnhalle oder die große Mediathek im Obergeschoss, wo moderne Pädagogik und historische Architektur eine gelungene Verbindung eingegangen sind. An fast jeder Ecke weist der Schulleiter auf bauliche Besonderheiten hin, verschweigt dabei nicht, dass es - wie zum Beispiel bei den Brandschutztüren in sattem Blau - auch weniger ästhetisch gelungene Veränderungen gibt. Fast gerät in Vergessenheit bei dieser Zeitreise, warum man ein Treffen mit dem Direktor vereinbart hat.

Im Jahr 1911 als Oberrealschule für Jungen errichtet

Der kann nämlich ankündigen, dass die 100 Jahre, die es das Schulgebäude nun schon gibt, demnächst gewürdigt werden. Es wird zwar keine richtig große Schulfete sein, die am 16. Juni geplant ist. Doch wird man vormittags mit Schülerprojekten, nachmittags und abends mit Vorträgen und einer Podiumsdiskussion den Bogen schlagen von den Anfängen bis in die heutige Zeit. Außerdem wird an dem Tag an der Schule der diesjährige „Offenbacher Brückenschlag“ gestartet, ein seit 2006 laufendes Projekt, das Kinder und Jugendliche aus allen Schulformen und Jahrgangsstufen mit der Kunst- und Kulturszene der Stadt zusammenführt.

Man will am 16. Juni mit Blick auf die in den Jahren 2013 bis 2015 anstehende weitere Sanierung des Gymnasiums aber auch „Anregungen geben, wie mit den vorhandenen finanziellen Mitteln die reformpädagogische Idee der Schule bewahrt werden kann“, so Ulrich Schmidt.

Dass es eine solche Idee gab, als 1911 das Gebäude als Oberrealschule für Jungen errichtet wurde, ist mittlerweile belegt, sagt der Schulleiter. Der Verzicht auf einen wuchtigen Eingang oder Nischen, die Rückzugsmöglichkeiten bieten, zeugen davon, dass seinerzeit damit begonnen wurde, mehr auf die Kinder einzugehen, sie nicht mit einem Gebäude „zu erschlagen“. „Aus damaliger Sicht war das eine schülerfreundliche Schule“, sagt Schmidt. Freilich sei der mehrgliedrige Bau auchTeil der damaligen Gesamtentwicklung des aufstrebenden und reicher werdenden Industriestandorts Offenbach“, formuliert er.

Im Jahr 2010 für Umgang mit neuen Medien ausgezeichnet

Eine Verbindung gehen Gebäude und Schülerschaft der Vorgängerin der Albert-Schweitzer-Schule, der 1853 eröffneten „Schule für höhere Töchter“ in der Geleitsstraße, erst im Jahre 1954 ein. Drei Jahre vor Einführung des gemeinsamen Unterrichts von Jungen und Mädchen ziehen die Mädels in die Waldstraße um, die Schule, deren Gebäude bis dahin eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat, erhält 1956 ihren heutigen Namen. 1150 Schüler werden derzeit von 88 Lehrern an der Albert-Schweitzer-Schule unterrichtet. Das Gymnasium ist Schulsportzentrum, koordiniert für Offenbach in Zusammenarbeit mit den anderen Schulen und Vereinen den Aufbau und die Förderung von Talenten. Als UNESCO-Projektschule ist sie Teil eines Netzwerks, das den Prinzipien von Toleranz und Respekt verpflichtet ist.

2010 wurde die ASS für ihren Umgang mit den neuen Medien ausgezeichnet. Schulleiter Schmidt ist zudem stolz auf die Ausstattung in den Naturwissenschaften. Das Gymnasium ist als Ganztagsschule von 7.15 bis 17 Uhr für die Schüler da. Die kommen zu 95 Prozent aus der Stadt, man ist damit eine „richtige Offenbacher Schule, deren Schüler einen vielfältigen sozialen und ethnischen Hintergrund haben“, sagt Ulrich Schmidt. Und: „Uns gelingt es, das auszubalancieren. So haben wir zum Beispiel sehr wenig Vandalismus.“ Bestimmt hat das auch etwas mit dem Gebäude zu tun.

Die Albert-Schweitzer-Schule sucht Zeitzeugen oder ehemalige Schüler, die für den 16. Juni Unterlagen oder Fotos zum Schulgebäude zur Verfügung stellen können: 069/8065-2925.

Kommentare