Tod den Schrecken nehmen

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Oberärztin Nokuthula Wolf, Chefarzt Dr. Rolf Teßmann, pflegerische Teamleiterin Elke Bauer und Arzthelferin Angelika Sassi vor dem Leitspruch des Palliativteams Offenbach im Sana-Klinikum, der von Cicely Saunders stammt.

Offenbach - Wer dem Tod nah ist, sieht das Leben mit anderen Augen. Bekommt einen Blick fürs Wesentliche. „Von unseren Patienten lernen wir viel über das Leben“, sagt Elke Bauer, pflegerische Leiterin des Palliativteams im Sana-Klinikum. Von Veronika Schade

„Alle Streitereien werden nebensächlich“, bestätigt Chefarzt Dr. Rolf Teßmann. „Nur noch wenig Zeit zu haben und diese sinnvoll zu nutzen, das ist eine schwere Arbeit, die sie bewältigen müssen.“ Dabei hilft ihnen das Palliativteam. Seit 2008 begleitet es unheilbar Kranke durch die letzte Phase ihres Lebens. Drei Ärzte, fünf Pflegekräfte, eine Arzthelferin sowie zwei Ärzte für Notdienste sorgen dafür, dass die Patienten bis zum Tod in ihrer vertrauten, häuslichen Umgebung bleiben können – menschenwürdig, selbstbestimmt und möglichst ohne Schmerzen. Seit 2007 besteht ein Rechtsanspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung, um dem Wunsch zu entsprechen, zuhause zu sterben. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse, jeder niedergelassene Arzt kann die Verordnung ausstellen. So sind es meist Hausärzte, die das Palliativteam kontaktieren, wenn ihr Patient sich in einem nicht mehr heilbaren Zustand befindet, aber auch Angehörige oder Pflegeheime. „Es ist ein offenes System, jeder hat die Möglichkeit, sich an uns zu wenden“, sagt Teßmann.

Je nach Bedürfnis des Patienten und seiner Angehörigen besuchen besucht ein Mitglied des Palliativteams den Kranken regelmäßig, bleibt fast täglich in telefonischem Kontakt. „Wir kommen als Gäste in die Familien“, erklärt die Leitende Oberärztin Nokuthula Wolf. „Das Wichtigste am Anfang ist, eine Vertrauensbasis zu schaffen.“ Ohne Empathie und Einfühlsamkeit, das Gespür für den richtigen Moment geht es nicht. „Manchmal sind die Patienten anfangs schon skeptisch“, berichtet Pflegerin Bauer. Doch das ändere sich bald – und auch bei den Gesprächen müsse es nicht nur um Krankheit und Tod gehen: „Natürlich fragen wir die Patienten nach ihren Symptomen und versorgen sie medizinisch, aber danach reden wir oft auch über ganz andere Dinge. Und ja, es wird auch zusammen gelacht.“ Es sei gut, der Situation ein Stück Traurigkeit zu nehmen.

Das Team bereitet die Patienten und ihre Angehörigen behutsam auf den Tod vor. Es geht um das Sterben selbst, um die Begleitung dabei, darum, dem Tod seinen Schrecken zu nehmen. „Besonders für die Angehörigen ist es eine große Entlastung, wenn sie wissen, dass sie immer jemanden haben, an den sie sich wenden können“, sagt Wolf. „Sie sind vorbereitet auf den Zeitpunkt, wenn es passiert, wissen, was zu tun ist.“ Sieben Tage die Woche, 24 Stunden täglich ist das Palliativteam erreichbar. Vergangenes Jahr betreute es knapp 500 Patienten, in diesem Jahr bisher 400. Mit komplexem medizinischem Gerät rückt es nicht an. „Palliativmedizin ist nicht apparativ, nur symptomorientiert“, so Teßmann. „Es geht nicht darum, das Leben künstlich zu verlängern.“ Die Mitarbeiter schaffen eine Versorgung, wie sie sich Patient und Angehörige wünschen – für jeden Kulturkreis. Religion spielt keine Rolle. Wenn angefragt, organisieren sie einen seelischen Beistand, bei Bedarf auch psychologische Betreuung für Erwachsene und Kinder.

Wer das Team unterstützen möchte: Spendenkonto: Förderverein Sana-Klinikum Offenbach, Städtische Sparkasse, BLZ 505 500 20, Konto 107 326, Kennwort: Palliativteam Offenbach, Name

Doch wie geht es den Mitgliedern des Palliativteam damit, täglich mit Krankheit und Tod konfrontiert zu werden? „Als Arzt muss man für sich umdefinieren, dass es kein Misserfolg ist, wenn der Patient stirbt“, sagt der Chefarzt. Die medizinische und menschliche Befriedigung liege darin, dem Patienten die letzten Lebensmonate so angenehm wie möglich gemacht und ihn in Ruhe dem Tod übergeben zu haben. „Es hat seine Sinnhaftigkeit.“ Kollegin Wolf betont, dass jeder sich für diese Weiterqualifizierung selbst entschieden hat. „Trauerarbeit spielt eine große Rolle bei der Ausbildung.“ Trotzdem nehme sie innerlich immer wieder Patienten mit nach Hause. „Es entsteht manchmal eine tiefe Beziehung.“ Täglicher Austausch mit den Kollegen ist wichtig. Bauer findet ihre Kraft vor allem in den positiven Rückmeldungen dankbarer Angehöriger. Aber auch in der Arbeit mit den Todkranken selbst. Arbeit, die viel über das Leben lehrt. ‹ Partner des Palliativteams sind die Johanniter, Malteser, das Palliativnetz Stadt und Kreis, der Caritasverband und die Ökumenische Hospizbewegung.

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