Allein gegen Staat angetreten

Offenbach - Wer nach 1933 Deutsche in London, Zürich oder Los Angeles traf, bekam den Eindruck, sie seien ein Volk von Intellektuellen. Ein Trugschluss, der daher rührte, dass das Dritte Reich jene zur Flucht zwang, die im Marsch von Führer und Vaterland den Takt nicht hielten. Von Stefan Mangold

Eine wie Parastou Forouhar passt ins Bild der iranischen Exilanten, der Hochqualifizierten mit den feinen Manieren und der Distanz zur Religion. Sie passt ins Bild der Frauen in der Fremde, die sich selbstbewusst positionieren, die von einem Leben jenseits des Haushalts wissen. Unvorstellbar, eine wie sie unter den Tschador zu zwingen, den Dr. Schoole Mostafawy, aus dem Iran stammende Kuratorin am Landesmuseum Karlsruhe, im Haus der Stadtgeschichte erwähnt. Das Stück Stoff, das in der Fotoserie „Blind Spot“ der Künstlerin Forouhar ein Mann trägt. Das Textil bedeckt sein Gesicht, während es die Glatze betont. Der Mann steht an der Stelle der Frau, die „ihrer Individualität beraubt, gesichts- und identitätslos“ das Bild im Iran bestimmt.

Mostafawy hält zur Verleihung des Sophie-von-La-Roche-Preises der Stadt Offenbach die Laudatio auf Forouhar. Mit ihr erhalte eine Frau die Auszeichnung, „die wegen ihrer politisch verstandenen Kunst und ihres Eintretens für Frauen- und Menschenrechte weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist“, erklärt die Jury. „Die Wahl fiel einstimmig aus“, merkt Stadträtin Marianne Herrmann an, „weil uns Frauen mit Migrationshintergrund, die das kulturelle Leben unserer Stadt prägen, wichtig sind.“

Forouhar kam 1991 nach Offenbach

Forouhar kam 1991 nach Offenbach, um an der HfG zu studieren. Heute stellt sie Bilder und Installationen in aller Welt aus. 2006 bekam sie ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Sie schrieb ein Buch mit dem Titel „Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden. Liebeserklärung an den Iran“.

Mostafawy berichtet von den Leichen von Forouhars Eltern, aufgeschlitzten Brustkörben, einer abgeschnittenen Brust. Vater Dariush Forouhar verbrachte 14 Jahre im Gefängnis, unter dem Schah wie in der Islamischen Republik. Während der Zeit der weltlichen Regierung war er Arbeitsminister, danach ging er in die Opposition gegen die Mullahs. Der Geheimdienst steht in Verdacht, ihn und seine Frau, die Journalistin und Menschenrechtlerin Parwaneh Forouhar, ermordet zu haben. Seitdem fährt Parastou Forouhar jedes Jahr in den Iran, um den Mord aufzuklären. 2009 stellte das Regime sie unter Hausarrest und hinderte sie an der Rückkehr nach Deutschland.

Stadtverordnete Grete Steiner, die den mit 1500 Euro dotierten, alle zwei Jahre verliehenen Preis 2009 als Erste erhielt, spricht von Forouhar als einer Frau, „die allein gegen den Staat antritt“ und durch jeden Aufenthalt dokumentiert, „dass der Staat der Mörder ist“. Die Preisträgerin schätzt an ihrer Wahlheimat, „gleichberechtigt zu sein, als Frau und als Migrantin“.

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