Mit Passbild ohne Chance

Offenbach - Eher seitlich oder doch frontal? Aus dem Automaten oder vom Profi? Wer sich jemals um eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle beworben hat, kennt das. Nichts wurde mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Passbild. Von Matthias Dahmer

Doch diese Zeiten neigen sich dem Ende zu. Unternehmen setzen zunehmend auf anonymisierte Bewerbungsverfahren, bei denen zunächst weder Geschlecht noch Alter oder Familienstand, geschweige denn das auf einem Foto verewigte Aussehen zählen, und es allein auf die berufliche Qualifkation der Bewerber ankommt.

So wird nun auch bei Stadt und Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) verfahren, die damit einem Parlamentsbeschluss vom Juni des vergangen Jahres umsetzen. Die SOH und ihre Tochtergesellschaften nutzen schon seit Anfang Januar ein anonymisiertes Bewerbungsformular, das städtische Personalamt führt ab Mitte des Jahres zusammen mit der Umstellung auf Online-Bewerbungen eine entsprechende Standardsoftware ein.

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„Das Vorgehen erhöht insgesamt den professionellen Umgang mit Bewerbungsunterlagen“, sagt Personalamtsleiter Stephan Grimm. Ziel sei, ein rechtlich gesichertes, einheitliches, transparentes und möglichst objektives Verfahren bei der Besetzung von Stellen zu gewährleisten. Rund 100 Bewerbungsverfahren, sagt Grimm, würden pro Jahr im Rathaus bearbeitet. Insgesamt gingen im Jahre 2011 – neueres Zahlenmaterial liegt noch nicht vor – 3 246 Bewerbungen bei der Stadtverwaltung ein. Für die jeweils drei Ausbildungsstellen in der Verwaltung bewarben sich 2010 und 2011 pro Jahr 365 Personen.

Beim Bewerbungsgespräch ist Schluss mit Anonymität

Die Kritik, wonach es spätestens beim Bewerbungsgespräch mit der Anonymität vorbei ist und es doch wieder darauf ankommt, ob die Chemie zwischen Bewerber und Personalentscheider stimmt, ist ihm bekannt. Ob sich das neue Verfahren bewährt, werde die Praxis zeigen, so Grimm. Wesentlich sei zunächst, dass die Bewerbung möglichst lange anonym und der Fokus auf die Qualifikation gerichtet bleibt.

Bei der SOH-Gruppe, berichtet Personalchefin Gerlinde Klos, müssten Bewerber seit Jahresbeginn ein spezielles Formular ausfüllen, das lediglich nach beruflichen Qualifikationen frage. „Es gibt so für uns keine Ablenkung mehr durch das Passbild“, sagt sie. Bereits in der Stellenausschreibung weise man darauf hin, dass Bewerbungen ohne anonymisiertes Formular nicht in das Auswahlverfahren kämen.

So geht das Verfahren weiter: Das Formular und die Bewerbungsunterlagen werden nach Erhalt mit einer Identifikationsziffer versehen und voneinander getrennt. Auf Basis des Formulars – und damit ausschließlich aufgrund der beruflichen Qualifikationen -– lädt der Personalverantwortliche zum Vorstellungsgespräch ein. Erst danach werden die Unterlagen anhand der Nummern zusammengeführt und vollständig an den Verantwortlichen gegeben. Das Formular ist im Internet abrufbar und wird auf Wunsch auch zugeschickt.

Rubriklistenbild: © dpa

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