Pathologie im Sana-Klinikum

Im Dienst für die Lebenden

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Einen Blick auf Krebszellen durchs Mikroskop ermöglichte Oberarzt Dr. Arne Wiebels (rechts, Mitte) den Besuchern bei der Führung durch die Pathologie.   J Foto:

Offenbach - Pathologen? Na klar, die schneiden doch den ganzen Tag Leichen auf! So denkt der Großteil der Bevölkerung – und jeder TV-Krimifan hat sofort verschrobene Originale wie Karl-Friedrich Boerne aus dem Münsterer „Tatort“ oder Dr. Quincy im Kopf. Von Veronika Schade 

Mittlerweile ist der Berufsstand sogar sexy, wenn junge, gutaussehende Ärztinnen wie Dr. Alexx Woods in „CSI Miami“ oder Dr. Temperance Brennan in „Bones“ verwitterte Skelette ansägen. Über diese Klischees kann Dr. Susanne Braun, Chefärztin der Pathologie am Sana-Klinikum, nur lächeln. Obwohl ihr Beruf gerade bei jungen Leuten dadurch offensichtlich große Popularität genießt. „Wir haben viele Anmeldungen für Schulpraktika. Dann kommen Elf- bis 13-Jährige und erwarten, Leichen zu sehen.“ Doch soweit kommt es nicht. Ebenso wenig bei der Führung, die Braun und ihr Team in den Räumen der Pathologie angeboten haben. Mehr als 30 Teilnehmer erfuhren aus erster Hand, dass Pathologen, wie alle anderen Ärzte auch, für die Lebenden arbeiten – mit dem Ziel der Heilung.

So verzeichnet die Pathologie am Sana-Klinikum nur etwa 100 Obduktionen im Jahr. Ihnen stehen 25.000 histologische Untersuchungen gegenüber, also Untersuchungen von Gewebe- und Zellproben unter dem Mikroskop. „98 Prozent unserer Patienten leben“, betont Braun. Die Sektionszahlen in Deutschland würden stetig sinken. Im Jahr 2008 lagen sie bei einem Prozent, heute sind sie noch geringer.

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In Hessen müssen Klinikpatienten einer Obduktion im Falle ihres Todes ausdrücklich zustimmen. Das tun längst nicht alle. Und nur wenige Hinterbliebene wünschen sich eine Obduktion ihrer verstorbenen Angehörigen. „Dabei ist das der einzige Weg, um die Todesursache mit Sicherheit festzustellen“, weiß die Pathologin. Das habe Nutzen nicht nur für die Familie, die dadurch beispielsweise Erbleiden feststellen kann, sondern auch gesellschaftlichen Nutzen: „Stellt sich heraus, dass eine Krankheit als Todesursache in manchen Landkreisen besonders häufig auftaucht, können Ärzte gezielt helfen, ihre Früherkennung und Bekämpfung voranzutreiben.“

Was Pathologen machen, sind klinische Obduktionen. Anders als Gerichtsmediziner, deren Aufgabe forensische Obduktionen sind. Sie sezieren Leichen, bei denen im Zuge kriminalistischer Ermittlungen nicht von einem natürlichen Tod ausgegangen wird. „Die Fernsehserien vermischen die Berufe, dadurch entsteht das falsche Bild in der Öffentlichkeit“, so Braun.

Selten persönlicher Kontakt zum Patienten

Chefärztin Dr. Susanne Braun (Mitte) zeigt den Obduktionssaal.

Zwar haben Pathologen nur selten persönlichen Kontakt zum Patienten. Aber für die Behandlung vieler Krankheiten sind sie ausschlaggebend – vor allem bei Krebs. „Jede Krebsdiagnose wird von einem Pathologen gestellt“, sagt die Chefärztin. Jede einzelne Patientenprobe, ob vom Darm oder der Gebärmutterschleimhaut, landet in der Pathologie, wo sie individuell beurteilt wird. Stellt der Pathologe einen Tumor fest, ist er maßgeblich am weiteren Vorgehen beteiligt. Ist der Tumor gut- oder bösartig? Wie soll er entfernt werden? Hat er bereits Metastasen gebildet? Welche Therapie eignet sich? „Einmal wöchentlich trifft sich in zertifizierten Kliniken ein Team von Fachärzten aller Disziplinen zur Tumorkonferenz“, berichtet Braun. So soll jedem Patienten die bestmögliche Behandlung gewährleistet werden.

Wie sieht ansonsten der der Arbeitsalltag aus? Im Labor erzeugen die Pathologen, unterstützt von Medizinisch-Technischen-Assistenten, haltbares Gewebe. Sie gießen Proben in Paraffin ein, stellen daraus Schnittpräparate in hauchdünnen Scheiben her. Diese werden eingefärbt und schließlich am Mikroskop begutachtet, um daraus eine Diagnose zu formulieren. In einer Tumorbank werden die Präparate zehn Jahre lang in flüssigem Stickstoff aufgehoben. Jedes ist mit einem Strichcode versehen, kann wie an der Supermarktkasse eingescannt und dem Patienten zugeordnet werden.

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Doch nicht immer ist Zeit für den langen Laborweg. Manchmal muss die Diagnose sofort kommen – noch während einer Operation. Das funktioniert als sogenannter Schnellschnitt. Von den Proben werden Gefrierschnitte angefertigt, die der Pathologe färbt und auswertet.

„Patho ist ein tolles Fach“, schwärmt Braun. „Man ist sehr zentral im Krankengeschehen, hier laufen viele Fäden zusammen.“ Am Ende zeigt sie noch den Raum, auf den insgeheim alle gewartet haben – den Obduktionssaal. „Eigentlich funktioniert hier alles wie in einem ganz normalen OP-Raum. Nur die Narkose können wir uns sparen“, schmunzelt sie. Und man fühlt sich doch ein bisschen wie bei Boerne im „Tatort“.

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