Sein Leiden vergessen

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Irene Schmidt mit Maltherapeutin Kitty Meyer-van Oers und Physiotherapeutin Renate Ferrlein vor einem ihrer Bilder.

Offenbach - „Kunst im Ketteler“, das ist einmal nicht die Kunst der Ärzte. Diese Kunst hat Krebspatienten geholfen, für ein paar Stunden ihre Krankheit zu vergessen. Von Markus Terharn

Ihre unter Anleitung selbst gemalten Bilder von Pflanzen, Tieren und Menschen sind etwa zwei Wochen lang im Foyer des Ketteler-Krankenhauses (Lichtenplattenweg 85) zu betrachten.

Entstanden sind die Werke in der Maltherapie von Kitty Meyer-van Oers. „Dienstags gehe ich auf die Station und erzähle, dass es Gelegenheit zum Malen gibt“, berichtet die Niederländerin, die seit 1987 in Offenbach lebt. Jeden Dienstag und Donnerstag von 16.15 bis 18 Uhr verwandelt sie den Aufenthaltsraum im ersten Stock zum Atelier.

Fast alle sind Anfänger

Neben Farben und Papier bringt Meyer-van Oers Kunstzeitschriften oder -bücher mit. Darin finden die Patienten Vorlagen für ihr Schaffen. Denn fast alle sind Anfänger. „Ich kann nicht malen“, das ist ein Satz, den die Therapeutin oft zu hören bekommt und dem sie entgegenhält: „Jeder kann malen!“

Mit der Frage „Was ist Kunst?“ hält sie sich nicht auf: „Der eine mag dies, der andere mag das.“ Vorgaben macht sie nicht, beschränkt sich auf Vermittlung von Gestaltung und Technik. Als favorisierte Motive haben sich Blumen herausgestellt. Eine Frau pinselte ein Foto ihres Hundes ab; ein muslimisches Mädchen bannte die Darstellung einer Moschee aus dem Handy aufs Papier. Bevorzugte Materialien sind Aquarell- und Acrylfarbe sowie Kreide. Öl geht nicht – zu giftig.

Am Ende sind sie stolz und glücklich

Die meisten Teilnehmer sind weiblich. „Männer sagen oft: Das ist nichts für mich“, bedauert Meyer-van Oers. Die Altersspanne reicht von Anfang 20 bis Ende 80; sogar eine 90-Jährige war dabei. Oft besteht die Gruppe aus sechs, sieben Personen, manchmal kommt nur eine. Nach ein paar Sitzungen bleiben die meisten fort, weil sie verlegt oder entlassen werden. „Es darf aber jeder wiederkommen“, betont die Leiterin.

Mit Freude beobachtet sie die Entwicklung ihrer Malschüler. Anfangs sind viele verkrampft. „Dann babbeln wir ein bisschen, sie werden locker, und am Ende sind sie stolz und glücklich. Und für einen Augenblick denken sie nicht mehr daran, dass sie krank sind.“ Aber auch die Gespräche mit anderen Betroffenen sind hilfreich.

Meist endet die „Künstlerkarriere“ mit dem Heilungserfolg

In der Regel sind die Werke in ein, zwei Stunden fertig. Die meisten Patienten behalten sie. Aus Arbeiten, die ihr überlassen wurden, hat Meyer-van Oers etwa 30 für die Ausstellung ausgewählt. Darunter finden sich einige, die nicht vermuten lassen, dass ihre Schöpfer nie zuvor kreativ waren.

Meist endet die „Künstlerkarriere“ mit dem Heilungserfolg. Meyer-van Oers weiß indes von einem Mann, der auf diese Weise eine verborgene Neigung entdeckt, ein neues Hobby gefunden hat. „Zum Geburtstag hat er sich Stifte gewünscht...“

Meyer-van Oers ist gelernte Krankenschwester. Was sie zu therapeutischer Tätigkeit braucht, hat sie sich selbst angeeignet. „Ich habe mich auf die Stelle beworben und wurde genommen“, berichtet sie. Seit August 2009 gibt es das Angebot, die Kosten trägt der Förderverein. Privat malt die Frau aus den Niederlanden, einem Land mit großer Kunsttradition, am liebsten Aquarelle. Motive? „Alles!“

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