Patienten nicht krank genug

Offenbach - Die Gründe, warum Offenbachs Klinikum im vergangenen Jahr um zehn Millionen tiefer in die Miesen rutschte, als veranschlagt war, sind vielschichtig. Von Thomas Kirstein

Die Geschäftsführung ist jedenfalls nicht schuld daran, Pflichtverletzung oder Versäumnisse sind ihr nicht vorzuwerfen. Das ist einem Prüfbericht zu entnehmen, den Kämmerei und Revisionsamt gestern Nachmittag dem Magistrat vorlegten.

Wie berichtet, hatte Stadtkämmerer und Krankenhausdezernent Michael Beseler (SPD) der Klinik die Wirtschaftsprüfer ins Haus geschickt, nachdem Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt Ende März mitgeteilt hatte, dass der Finanzplan nicht zu halten sei: Statt der erwarteten 20 wird das Defizit für 2010 nun 29,8 Millionen Euro betragen. Aufgrund erster Erkenntnisse der Prüfer hat Beseler auch die städtischen Fachleute mit den Zahlen und Buchungen beschäftigt.

Meist nicht vorhersehbare Faktoren sind schuld

Das Ergebnis liegt jetzt vor. Wie Revisor Karl-Heinz Wenisch erläuterte, sind am Plus beim Minus meist nicht vorhersehbare Faktoren schuld:

  • 2,5 Millionen fehlen, weil die in der erwarteten Anzahl aufgenommen Patienten des letzten Quartals nicht krank genug, also lukrativ, waren. Der sogenannte Casemix-Index (die Mischung der Fälle und ihrer Schwere) ließ die überweisungen der Kassen zu gering ausfallen.
  • 3,1 Millionen liefen auf, weil sich der Umzug in den Neubau mehrfach verzögerte, weil es eine strittige Zwei-Millionen Forderung an einen Dienstleister gibt, weil Baukosten keine waren und als Aufwand verbucht werden mussten und weil zusätzliche Bewachungskosten aufliefen, da die Schließanlage des Neubaus immer noch nicht funktioniert.
  • 2,3 Millionen summieren sich aufgrund neuer Rechtslagen: weil die AOK dem Klinikum nur knapp die Hälfte einer ausstehenden Zwei-Millionen-Forderungen aus den Jahren 2006 bis 2008 zahlen muss, weil Rückstellungen für Zahlungen im Pflegesatzverfahren und für eine mögliche Steuernachzahlung zu bilden sind. Eine halbe Million kostet eine zusätzliche, mit dem Aufsichtsrat abgesprochene externe Beratung für ein Projekt zur Straffung von Abläufen im neuen Klinikum.

Gespart wird wohl am Personal

Für die längere Zukunft des Klinikums wagt Michael Beseler momentan keine Prognose. Ende 2010 hatte die Stadt wegen des zu erwartenden Defizits das Eigenkapital des Krankenhauses um 30 auf 50 Millionen aufgestockt. Das Geld ist jetzt so gut wie weg. Für 2011 ist das Defizit auf 18,5 Millionen veranschlagt. „Die nächsten zwölf Monate ist das Haus auf jeden Fall zahlungsfähig“, sagt der Kämmerer. Die Geschäftsführung ist sehr optimistisch, dass Extra-Erlöse zu erzielen sind - das Geschäft mit Dubai hat sich allerdings zerschlagen. Gespart wird wohl am Personal: 150 Stellen - nicht in der Pflege - gelten als verzichtbar; das brächte 7,5 Millionen Euro im Jahr ein.

Sozialdemokrat Beseler kritisiert, dass sich die von der Politik vorgegebenen Zahlungen der Krankenkassen allein auf Betriebskosten beziehen, Investitionen und Abschreibungen aber nicht berücksichtigen. Ändere sich nichts, gebe es in Hessen bald keine kommunalen Krankenhäuser mehr: „Wenn die Rahmenbedingungen so bleiben, ist es nur eine Frage der Zeit, wer wann das Licht ausmacht.“

Rubriklistenbild: © pixelio.de / Günter Havlena

Kommentare