Wahlkampf in Offenbach

Peer Steinbrück mit Klartext und Leih-Oma

+
Peer Steinbrück in Offenbach.

Offenbach - Gestern ist den Offenbachern der Steinbrück erschienen. Er tat es im Jacques- Offenbach-Saal des Sheraton-Hotels. Von Michael Eschenauer

Im Gepäck hatte der weiterhin mit miesen Umfragedaten ringende Kanzlerkandidat der SPD das Markenzeichen, mit dem er zu punkten hofft: die seriöse, anspruchsvolle, unprätentiöse Polit-Performance. Die Länderreise „Klartext mit Peer Steinbrück“ ist gedacht für Wähler, die dem alten Versprechen anhängen, guten, überzeugenden Wahlkampf könne man auch mit „Fakten, Fakten, Fakten“ machen. Rund 260 Vertreter dieser Glaubensgemeinschaft sind am frühen Abend dabei, als Steinbrück - die Haare raspelkurz, der Schritt energisch, der Anzug anthrazit - mit kaum erwähnenswürdigen sechs Minuten Verspätung einläuft, ein paar Hände schüttelt und loslegt.

Zwar hat leiser Folk-Rock des australischen Sängers Chris Jones aus der Konserve das Publikum zuvor in eine sanft pulsierende Wendestimmung gewiegt. Auch stehen die Stühle im Kreis und das Rednerpult in der Mitte. Doch wer jetzt mit einer schmissigen Frontal-Dramaturgie, einpeitschender Rhetorik und Schwarz-Weiß-Panoramen, das heißt mit einer bequemen Polit-Operette rechnet, muss sich umorientieren. Hier wird nicht der übliche Espresso ausgeschenkt, den man sich reinschüttet, ohne nachzudenken und rumms ist die Stimmung super. Steinbrücks „Klartext“-Kampagne funktioniert nicht so. Eher knetet er sein Publikum, beharrlich wie einen Hefeteig - und hofft, dass die Stimmung langsam steigt.

Peer Steinbrück in Offenbach

Peer Steinbrück in Offenbach

Der SPD-Kanzlerkandidat hat Offenbach einen Wahlkampfbesuch abgestattet. Bei der Veranstaltung "Klartext mit Peer Steinbrück" stellt er sich den Fragen der Offenbacher Bürgerinnen und Bürger.

Zum Video

Es gebe keinen „Klatschmarsch rein“ und keinen „Klatschmarsch raus“, verkündete der Kandidat. Dies sei nicht der Sinn dieser Veranstaltung“. Im Folgenden benötigte der nur sparsam die Miene zu einem Lächeln umsortierende Steinbrück knappe sechs weitere Minuten, um die Grundprinzipien des Abends zu erläutern. Erstens: „Es gibt keine dummen Fragen.“ Zweitens: „Wenn ich etwas nicht weiß, werde ich es zugeben. Und wer mir Name und Adresse hinterlässt, bekommt bis spätestens 21. September eine Antwort.“ Das dritte Prinzip suggerierte er nur unterschwellig. Es lautet: Hier geht es um Information, hier geht es um die Wahrheit!

Keine Auftakt-Rede also, stattdessen ist das Publikum gefordert. Es wird anstrengend. Steinbrück versucht, die Stimmung zu lockern mit dem Versprechen, der Eisbrecher beim Fragen-Stellen könne ja vielleicht mit einer Rheumadecke oder einem Schnellkochtopf belohnt werden. Auch eine Flasche Wein sei möglich („aber dazu sag’ ich nichts mehr“).

Ob er am 1. Mai den Anstecker von Verdi tragen werde? „Damit habe ich kein Problem.“ Wie sich die SPD zur EU-Marktliberalisierung bei den Bodenverkehrsdiensten am Flughafen positionieren werde? „Liberalisierung ist nicht immer per se positiv“. Wie er sich zur Privatisierung der kommunalen Trinkwasserversorgung stelle? „Ich bin skeptisch.“ Die Fragen, von Mikrophonträgern im Dreierpack gesammelt, werden von Steinbrück notiert und konzentriert beantwortet. Auch bei Themen, die sich nicht unmittelbar für eine Standortbestimmung der deutschen Sozialdemokratie zu eignen scheinen, schafft der SPD-Star mit einfachen, aber dennoch rhetorisch brillant gebauten Antworten die Volte: So mündet die Feststellung eines Mannes, das amerikanische Steuerrecht sei viel schärfer als das deutsche, in eine Grundsatzerörterung über die Verhandlungsfehler der Bundesregierung in Sachen Steuerabkommen mit der Schweiz. Und in ein Lob für die US-Steuerbehörde, vor der man „richtig Manschetten“ haben müsse. „Die Amerikaner haben gegenüber der Schweiz die Kavallerie tatsächlich ausreiten lassen. Ich habe nur davon geredet.“ Applaus.

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Ehrenamt, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Europa, doppelte Staatsbürgerschaft, Erbschaftssteuer, Umverteilung - Steinbrück kreist um sein Stehpult, mahlt mit dem Kiefer, macht mit dem Mund eine schnappende Bewegung. Er erklärt gut, schafft es, dass Kompliziertes einfacher zu sein scheint, erklärt das Große durch das Kleine. Ja, die kommunale Finanzausstattung sei sehr schlecht, sagt er auf eine entsprechende Frage, um über die Ankündigung, dass die SPD hier etwas unternehmen werde, auf die Vermögenssteuer zu kommen. Angelegt werden müsse sie aber so, dass Gewinne weiterhin möglich seien. „Die Gewerbetreibenden sollen dicke, schwarze Zahlen schreiben“, so Steinbrück, und dann wieder investieren. Nur so funktioniere das.

Manchmal fällt ein „Du“ oder ein „Lieber Peer“. Das klingt bei diesem Mann gewöhnungsbedürftig. Steinbrück erzählt dann schnell mal, wie er eine nette „Leih-Oma“ kennengelernt hat. Sein Image als kühler Analysator ist nützlich. Aber allzu kalt darf’s auch nicht werden - hier, im Jacques-Offenbach-Saal in Offenbach.

Peer Steinbrück: Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen

Peer Steinbrück: Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare