People’s Theater arbeitet szenisch

Wege aus dem Dilemma

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People’s Theater gibt Kindern und Jugendlichen szenische Hilfen, um ihre Konflikte mit Vernunft und Argumenten zu lösen.

Offenbach - „Alternativlos“ ist ein Begriff, der in der Politik hoch im Kurs steht. Im realen Leben bieten sich fast immer Optionen. „Die meisten unserer Stücke drehen sich um ein Dilemma“, erklärt Nina Volk (27), eine der führenden Köpfe von People’s Theater. Von Stefan Mangold

Eine Schülerin beobachtet die beste Freundin während eines Eigentumsdelikts in der Klasse. Schweigt sie, lässt sie das Unrecht zu. Meldet sie den Diebstahl, endet die Freundschaft. Anschließend fordert ein Moderator die Zuschauer auf, diese Szene zu kommentieren und selbst zu spielen, wie sie sie auflösen würden.

Seit fünf Wochen gehört Marion Menzel zur Truppe. Die 19-jährige machte vor kurzen im bayerischen Landsberg ihr Abitur und spielt jetzt für ein Jahr bei People’s Theater mit. Marion kam durch ihre Freundin Lena Kraus (20) dazu, die ihr Engagement in Offenbach als Praktikum absolvierte und jetzt Soziale Arbeit studiert.

Was zum Kerngeschäft der Truppe passt. „Soziale Kompetenz ist wichtiger als darstellerisches Talent“, erklärt Curtis Volk (33), der ebenfalls für die Organisation zuständige Gatte von Nina Volk. Die jungen Schauspieler auf Zeit leben an der Neusalzer Straße in einer Wohngemeinschaft. Keine Gegend, die als Toplage gilt. Was Marion Menzel nicht daran hindert, sich dort sehr wohl zu fühlen.

Sieben Frauen und ein Mann

Die Truppe setzt sich momentan aus sieben Frauen und einem Mann zusammen. Nina Volk wirbt wegen der Schieflage der Geschlechter darum, „dass sich vor allem junge Männer melden“. Bei manchen beobachtet sie eine Hemmschwelle, die sich in Sätzen wie „Ihr habt alle Abitur, ich nicht“ artikuliert. Das muss nicht sein: „Zeugnisse sind uns egal.“

Was ins Menschenbild des Vereins passt. Das orientiert sich an dem der Bahá’í-Religion. Das ist ein aus dem Iran stammender abrahamitischer Gottesglaube, der im Gegensatz zu den verwandten Religionen davon ausgeht, „dass es eine fortschreitende Offenbarung gibt, die sich den Zeiten anpasst“. Weshalb neben Mohammed und Jesus auch Buddha als Gottesbote zählt.

Erfan Enayati, Vorsitzender und Gründer von People’s Theater, gehört der Religionsgemeinschaft an, die der iranische Klerus verfolgen lässt. „Was partout nicht heißt, wir nähmen nur Gläubige auf“, betont Curtis Volk den weltanschaulich offenen Charakter des Vereins. Für den hat jeder Mensch einen Wert an sich, den es durch Erziehung zu fördern gilt. Auf dass „die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag“, steht in der Präambel.

Besuch im Jugendarrest Gelnhausen

Marion Menzel erzählt von einem Besuch im Jugendarrest Gelnhausen. Das Stück, das die Gruppe vortrug, handelt von einem Jungen, der seine neue Freundin in die Clique einführen will. Was auf beiderseitigen Widerstand stößt. Die Freunde halten die Abiturientin für hochnäsig; die beurteilt die Kumpels als grob gestrickte Charaktere. Bevor die Fäuste fliegen, erklingt der Gong.

Es folgt das Angebot zu diskutieren, wie es weitergehen könnte – jenseits der Gewalt. Zuvor hatte Marion vermutet, im Jugendarrest auf zelebrierte Lustlosigkeit zu stoßen. Um sich anschließend zu wundern, „wie interessiert die mitgemacht haben“.

Generell führt People’s Theater Stücke in Absprache mit den Pädagogen auf. Die berichten vorher von spezifischen Problemen. Außenseiter sind ständiges Thema. Die Wirkung der Arbeit der Truppe sei schwer zu messen, wirft Nina Volk ein. Rückmeldung komme manchmal von Lehrern, die auf dem Hof Konflikte beobachten und hören, wie Schüler nach einem Ausweg suchen: „Machen wir‘s doch wie bei People’s Theater...“

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