Die unerschrockenen Vorführer

Offenbach - Egal ob Vergewaltiger, Betrüger, Schläger oder Junkies – Peter Höhn und Bernd Glaw haben sie alle im Griff. Alter Offenbacher Ganovenadel gehört ebenso zu ihrer Kundschaft wie der vor der Abschiebung stehende Intensivtäter. Von Matthias Dahmer 

Höhn und Glaw sitzen am Rand, wenn im Amtsgericht im Namen des Volkes Recht gesprochen wird. Sie überlassen die Bühne gern den Richtern, Staatsanwälten oder Verteidigern. Ohne sie aber wäre Justitia nicht nur blind, sondern auch lahm. Die beiden „Ersten Justizhauptwachtmeister“ sind die Dienstältesten in einem insgesamt elfköpfigen Team. Seit mittlerweile 30 Jahren sorgen sie dafür, dass nicht nur Akten, sondern auch Gefangene und nicht selten in Haft sitzende Zeugen dort ankommen, wo sie ankommen sollen.

Erste Station für jene, die meist in Handschellen in den Gerichtssaal geführt werden müssen, ist die Arrestzelle. Drei gibt es davon im Justizbau an der Kaiserstraße. Sie sind auf dem neuen Stand. „Schauen Sie, alles verschraubt, alles aus Edelstahl“, rüttelt Peter Höhn an Tisch und Stuhl in dem etwa zwölf Quadratmeter großen, fensterlosen Raum. Das mit der Vandalismus resistenten Einrichtung war nicht immer so. Höhn, ein stämmiger Mann mit gelichteter Zwei-Millimeter-Frisur und markantem Schnauzbart, erinnert sich an Zeiten, als Insassen Rohre rausgerissen und die Zelle unter Wasser gesetzt haben, als Häftlinge sich an den Gittern der damals noch vorhandenen Fenster zur Hospitalstraße erhängen wollten und Haschisch-Päckchen von der Straße in die Zelle geworfen wurden.

Friedlicher ist das Klientel, um das sich die gebürtigen Offenbacher Höhn und Glaw kümmern müssen, nicht geworden. Fünf Fluchtversuche haben die beiden in den vergangenen drei Jahrzehnten vereitelt. Mitunter halfen auch die Umstände. So weiß Peter Höhn zu berichten, wie der bei Polizei und Gericht bestens bekannte Offenbacher Gerald D. versuchte, mit einem Sprung durch die Fensterscheibe aus dem Gerichtssaal zu türmen. Sein Pech: Es war Panzerglas. „Der wollte den ganzen Tag nur noch Kopfschmerztabletten“, blickt Höhn schmunzelnd zurück. Geschichten dieser Güte sprudeln nur so aus den beiden Wachtmeistern heraus: Einen Kickbox-Weltmeister haben sie einst richtig „verpacken“ müssen, bevor er zur Verhandlung geführt werden konnte. Was das heißt, wird sogleich demonstriert: Einen Bauchgurt, an dem die angelegten Handschellen fixiert werden, sowie die Kurzversion der Fußfessel für extra kleine Schritte legt Höhn seinem Kollegen Glaw an.

Im Rückblick eine amüsante Anekdote ist auch die vom kleinen Italiener, der sich auf dem Gang lautstark als „Karate-Kid“ aufführte und an den Wänden angebrachte Hinweisschildchen abtrat. Den Stromstoß, den Höhn dem Durchgedrehten verpassen musste, kommentierte er mit den Worten: „Und ich bin hier der Elektro-Kid.“ Die Situationen waren indes nicht nur gefährlich: Eine von Abschiebung bedrohte Drogenabhängige hat sich regelmäßig nackt ausgezogen, wenn sich der Schlüssel zur Zelle drehte. „Das war dann ein Fall für unsere Kollegin“, sagt Bernd Glaw. Der durchtrainierte 54-Jährige ist ebenso wie sein Kollege in waffenloser Selbstverteidigung ausgebildet. Beide haben unterschiedliche Techniken entwickelt, wie sie Gefangene begleiten. Während Peter Höhn („Ich bin bekannt dafür, dass ich ein Raubein bin.“) Vorzuführende an sich fesselt, damit sie nicht flüchten, legt Bernd Glaw dem Betreffenden vorzugsweise die Handschellen um die nach hinten gestreckten Arme.

Wer schon alles unfreiwillig im Amtsgericht logiert hat, steht penibel aufgelistet im Gefangenenbuch. Bis ins Jahr 2006 reichen die – vom digitalen Zeitalter unberührt – handschriftlichen Einträge zurück. Fast wäre dort auch als einer der jüngsten Vermerke Senal M. gelandet. Der Schläger, der die Studentin Tugce Albayrak im Streit tödlich verletzt hat, war für einen Haftprüfungstermin vorgesehen. Als klar war, dass das Opfer sterben wird, zog sein Anwalt den Termin zurück. Bis zu 50 Gefangene werden am Amtsgericht pro Monat vorgeführt. „Kommt darauf an, wie gut die Polizei arbeitet“, scherzt Glaw.

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Dass sie einmal 30 Jahre der Justiz dienen würden, war den beiden nicht vorbestimmt. Peter Höhn war in jüngeren Jahren Gastwirt, hatte zunächst die Kneipe „Zum Fußball“ an der Bieberer Straße und führte danach die Vereinsgaststätte von Teutonia Hausen, bevor er 1984 beim Amtsgericht anfing. Im selben Jahr stieß Bernd Glaw nach Maurer- und Betonbauer-Ausbildung und Bundeswehrzeit dazu. Ihre Kunden, bestätigen die Wachtmeister, sind im Lauf der Jahre unberechenbarer und gewaltbereiter geworden, immer öfter muss gefesselt werden. „Es fehlt der Respekt, besonders bei Jugendlichen“, sagen sie.

Ihre Anspannung in brenzligen Situationen lassen sie sich nicht anmerken. Das übertrage sich sofort auf den Gefangenen. „Wir versuchen locker zu bleiben, dürfen vor allem keine Angst zeigen.“ Sieben Amtsgerichtspräsidenten haben Höhn und Glaw schon erlebt. Der Beruf sei für ihn eine Berufung, versichert Peter Höhn. Wenn es nach ihm ginge, würde er sogar noch mit dem Rollator seinen Job machen. 30 Jahre auf Tuchfühlung mit Gefangenen – da bleibt es nicht aus, dass man in der Szene bekannt ist. So kann es passieren, dass Glaw und Höhn auf öffentlichen Festen Ex-Knackis begegnen. Die haben beide wohl in bester Erinnerung: „Bislang war noch keiner auf der Straße unfreundlich zu uns“, sagen sie.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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