Bei Pfarrers Stress statt Besinnung

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„Der Pfarrerberuf ist kein sehr familienfreundlicher“, meint Amina Bruch-Cincar. Allein an Heiligabend stehen drei Gottesdienste auf dem Programm.

Offenbach ‐ Dass der Christbaum an Heiligabend schon fix und fertig geschmückt dasteht, ist eher untypisch im Haushalt von Amina Bruch-Cincar. Weil sich aber der Fotograf angekündigte hat, kommt der Pfarrerin der Gustav-Adolf-Gemeinde das verschneite Wochenende gerade recht, um früh Weihnachtsstimmung ins Wohnzimmer zu zaubern. Von Simone Weil

Normalerweise wird der Baum erst am Vormittag des 24. Dezembers geschmückt. Dabei gehe es aber  eher „unspaßig zu“, gesteht die 44-Jährige. Mann und Kinder müssen ran, weil sie keine Zeit dafür hat. Denn rund um die Feiertage haben Kirchenleute Hochkonjunktur.

Vom vergangenen Sonntag bis zum kommenden hat die Theologin neun Gottesdienste zu halten. Doch auch dazwischen ist sie ständig gefragt: Gerade eben hat sie die Lichterkette am etwa sechs hohen Tannenbaum in der Kirche angebracht, „weil die Küsterin nicht schwindelfrei ist“.

Advent ist organisatorische Herausforderung

Da Pfarrhaus und Kirche nahe beieinander liegen, ist sie Ansprechpartnerin für fast alles. Wenn die Konfirmanden einen Putzlappen brauchen oder die Kostüme fürs Krippenspiel gesucht werden, wird bei ihr geklingelt. Organisatorisch ist der Advent eine Herausforderung: Musiker müssen gebucht, Geschenke für die Mitarbeiter besorgt und eingepackt werden. Den lebendigen Adventskalender zu besuchen, bei dem in Bürgel erstmals Privatleute und Institutionen jeden Abend zu Gebäck, Glühwein und Gespräch laden, ist für die Pfarrerin eine angenehme Pflicht.

Die vorweihnachtlichen Besuche der Gemeindemitglieder in Altenheimen dagegen gehen ihr ans Gemüt. Oft erfährt sie, wie einsam die alten Menschen sind. „Das ist schon erschütternd, wie sehr die sich freuen“, erzählt sie.

Während an Heiligabend bei anderen Familien langsam Ruhe einkehrt, geht es bei Amina Bruch-Cincar rund: Drei Gottesdienste stehen an um 15, 17 und 23 Uhr. Sie selbst könne ganz gut mit Stress umgehen, meint sie: „Die viel gepriesene Besinnlichkeit scheint uns doch nicht mehr viel zu sagen.“

Kaffee und Kuchen im Gemeindesaal

Wichtig findet sie es dagegen, die Adventszeit bewusst zu erleben. Sie hat ein Faible für Musik und freut sich darauf, Weihnachtslieder zu singen. Gerne tut sie das auch mit den Senioren beim adventlichen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen im Gemeindesaal. „Das kommt immer gut an“, sagt sie.

Damit es für ihren Mann sowie ihre Töchter Alissa (16 Jahre alt, zur Zeit in Colorado) und Marlene (13) trotz der vorübergehenden Abwesenheit der Pfarrerin am 24. Dezember feierlich zugeht, ist bei ihr daheim alles „großfamilienmäßig organisiert“. An diesem Abend kommen gut und gerne neun Leute zusammen. „Gegen 17 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen - wahrscheinlich, ich war ja schon lange nicht mehr dabei“, sagt die Theologin. Was sie sehr entlastet, ist das Wissen, dass es in ihrer Familie in der Zwischenzeit „ganz ungeniert zugeht und es erst einmal nicht darauf ankommt, ob ich nun da bin oder nicht“.

Wenn sie gegen 18.30 Uhr aus der Kirche zurückkommt (jetzt ist der kurze Weg von Vorteil), lässt sie sich bedienen: „Dann trage ich keine Tasse mehr raus.“ Den Eindruck, dass sie keinen Finger krümme, möchte die Seelsorgerin aber nicht erwecken: Vorher hat sie geputzt und den Tisch gedeckt. Doch fürs Essen sind ihre Tanten zuständig. Traditionell gibt es Kartoffelsalat und Gulasch. „Ich weiß, dass das viele Leute für eine komische Kombination halten, aber wir mögen das“, verrät die Pastorin.

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