Ein Picasso für Offenbach

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Stolz präsentiert Dr. Stefan Soltek die Neuerwerbung: Pablo Picasso hat den „Totengesang“ seines Freundes Pierre Reverdys förmlich mit blutroter Farbe übermalt. Das Werk erschien 1948 in Paris in einer Auflage von 250 Exemplaren.

Offenbach ‐ Wenn angekündigt wird, dass die arme Stadt einen Picasso bekommt, werden überregionale Medien hellhörig. Aber Offenbach hängt sich keinen Picasso an die Wand, sondern stellt einen ins Regal des Klingspormuseums. Von Ernst Buchholz und Thomas Kirstein

Wegen des international renommierten Museums für Schrift- und Buchkunst kann es sich nur um ein vom Meister illustriertes Werk der Literatur handeln. Die aufgerufenen Preise für solche Picassos sind deshalb auch vergleichsweise bescheiden: Andere Exemplare der jüngsten Neuwerwerbung werden im Internet ab 10 000 Euro gehandelt.

Kommenden Freitag (19 Uhr) wird das Künstlerbuch „Le Chant des Morts“ („Der Gesang der Toten“) von Pablo Picasso und Pierre Reverdy an der Herrnstraße der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Buch ist eine echte Kostbarkeit“, freut sich Dr. Stefan Soltek, der Direktor des Klingspormuseums. „In der Reihe der opulenten Bücher, die unser Museum besitzt, bedeutet ,Le Chant des Morts’ eine gewichtige Ergänzung.“ Nach Solteks Einschätzung ist das Werk einmalig in der Rhein-Main-Region. Großzügiges Sponsoring der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung München ermöglichte den Ankauf dieses Buches. Der zweite Picasso hat Offenbach somit keinen Cent gekostet. Der erste, schon länger in den Klingspor-Beständen, sind die von Picasso illustrierten „Deux contes“ von Ramon Reventos aus dem Jahr 1947.

Bruch mit aller Tradition des Künstlerbuchs

Die Neuerwerbung stellt einen „Solitär“ in Picassos Schaffen dar. Die Gedichte Pierre Reverdys sind Klagegedichte, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entstanden sind. Sie sind mit Krieg und Besatzung verbunden und mit der persönlichen Erschütterung des Dichters. Sie ertönen als Klagegesang der Toten, Schlüsselbegriffe sind Tod und Blut. Picasso nimmt, aufgefordert vom Verleger Tériade, die Herausforderung an, das Buch künstlerisch zu gestalten. Dabei bricht er mit aller Tradition des Künstlerbuchs. Er illustriert nicht, sondern setzt mit blutroter Farbe Markierungen an und in den Text, Striche, Punkte und Kreise - er übermalt die Handschrift seines Freundes Reverdy. Das Buch ist 1948 in der Edition Tériade in Paris in 250 Exemplaren erschienen. Es umfasst 117 gezählte Seiten, dazu kommen gestaltetes Vorsatzblatt und Umschlag. Der Einband ist dem damaligen französischen Markt entsprechend handgefertigt.

Besucher können das Buch in der Klingspor-Bibliothek einsehen.

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