Pilz-Zucht unter dem Bieberer Berg

Edles aus der Unterwelt

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Mathias Kroll bei der Ernte von Shiitake-Pilzen. 200 Kilogramm Ertrag hat er derzeit pro Woche, will langfristig auf zwei Tonnen im Monat kommen.

Offenbach - Die schmalen, gewundenen Stufen sind ausgetreten, ein eisernes Geländer ist der einzige Halt entlang der steinernen Wand. Von Veronika Schade

Tief hinunter geht es in eine verborgene Welt, von der die tausenden Passanten in der Bieberer Straße 269 schräg gegenüber dem Kickers-Stadion nichts ahnen. Kalt, feucht und dunkel ist es in dem alten Gewölbekeller, kein wirtlicher Ort. Doch für Mathias Kroll bedeutet er einen Neuanfang, von dem seine wirtschaftliche Zukunft abhängt. Seit anderthalb Jahren züchtet er dort Edelpilze. Für deren Gedeihen eignen sich die unterirdischen Gewölbe optimal. Die Temperaturen liegen das ganze Jahr bei neun und zwölf Grad, die Pilze mögen es feucht und schattig. Als der Keller entstand, der Teil eines ganzen Systems unterm Bieberer Berg ist, diente er als Eislager für Offenbachs Bierbrauer, später als Apfelweinlager für die Bieberer Kelterei Zilch. Offenbacher Jazzfreunde erinnern sich an den Club 51, der sich dort bis vor etwa 20 Jahren befand. Danach gab es einige Überlegungen zur weiteren Nutzung der Räume, die allerdings an den Brandschutzauflagen scheiterten.

Krolls Idee, Pilze zu züchten, entstand aus der Unzufriedenheit in seinem alten Job als Krankenpfleger: „Man rennt ständig seiner Zeit hinterher. Und die Bedingungen sind im Gesundheitswesen so schlecht, ich konnte das auch menschlich nicht mehr machen.“ Schon als Kind begeisterte er sich für Pilze, war mit seinem Großvater im Wald unterwegs. Er las sich in das Thema Pilzzucht ein, holte sich Rat von einem Pilzberater der Hessischen Landesgruppe Pilzanbau und suchte geeignete Räume. „Bei Maklern kommt man mit dem Wunsch nach einem feuchten, kalten Keller nicht weit“, sagt der 37-Jährige lachend. Als er schon dachte, es werde nichts mehr, versuchte er einen letzten Anruf – und es klappte: „Der Makler war ein Freund des Vermieters.“

In der Hoffnung, die richtige Nische entdeckt zu haben, begann er die Zucht mit Exoten wie Goldkäppchen, Buchenpilzen und Samthauben. „Das sind fantastische Pilze, doch leider kennt sie kein Mensch.“ Sie verkauften sich schleppend. Nach einigen Monaten stieg Kroll auf bekanntere, aber dennoch exotische Sorten um: Austernpilze, Kräutersaitlinge und Shiitake. „Das erste Jahr bestand nur aus Ausprobieren, investieren, Fehler machen, daraus lernen“, sagt er. „Jetzt kann ich allmählich anfangen, Geld zu verdienen.“ Der Mühlheimer beliefert mittlerweile die Frankfurter Kleinmarkthalle und den Offenbacher Wochenmarkt, einen Großhändler und Gastronomen, darunter asiatische Restaurants in Frankfurt oder das Schaumahl in Offenbach. „Die Nachfrage nach frischen, regionalen Produkten ist riesig, mein Angebot spricht sich rum.“ Der Qualitätsunterschied etwa zu einem Kräutersaitling aus Korea, der sechs Wochen im Schiff verbrachte, sei enorm.

Pilz-Exkursion mit Dieter Gewalt

Pilz-Exkursion mit Dieter Gewalt

Die Kräutersaitlinge und Shiitake bekommt er als Blöcke mit Sporen „beimpften“ Holzsubstrats, die Austernpilze auf Strohsubstrat. Es dauert etwa drei Wochen, bis die Pilze erntereif sind. In jedem Raum des 350 Quadratmeter großen Kellers züchtet der Familienvater eine andere Sorte. „Licht bekommen sie dreimal täglich für anderthalb Stunden, das macht sie dunkler.“ Für Kenner ist die Farbe ein wichtiges Qualitätsmerkmal, wie auch die Festigkeit des Pilzes. „Ich rede mit ihnen“, schmunzelt er. Immerhin verbringt Kroll jeden Tag viele Stunden allein mit seinen Sprösslingen. 200 Kilogramm erntet er pro Woche, will langfristig auf zwei Tonnen im Monat kommen. „Das hat Potenzial“, ist der Züchter optimistisch. Er überlegt, eingelegte Pilze und Aufstriche ins Sortiment zu nehmen. Zunächst steht der erste Hofverkauf am morgigen Freitag, 15 bis 18 Uhr, an.

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