Plädoyer gegen runde Tische

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Vielerlei Herkunft, ein Hobby: Schach ist die Universalsprache der Männer am Stadthof.

Offenbach - Dragan ist so vieles. Demokrat mit Bewusstsein für die Macht des Volkes beispielsweise. „Der Schneider, der müsste was tun“, gibt er auf seiner Bank auf dem Stadthof zu Protokoll. Von Marcus Reinsch

Und weil so ein Oberbürgermeister bestimmt ganz oben sitzt in seiner Verwaltungsburg, pendelt Dragans Blick erwartungsvoll hin und her zwischen der Spitze des Rathauses hinter ihm und den 64 geliebten, verblichenen Quadraten zu seinen Füßen. Der Mann unterbreitet ein Angebot: „Wenn der Schneider was für unser Spiel tut, dann kann man was für ihn tun. . . “.

Dragan ist auch Titoist und als solcher offenbar Verehrer einer Wie-du-mir-so-ich-dir-Politik. Zumindest lässt sich das vermuten. Wenn er aus Gründen, über die man lieber gar nichts Genaues wissen will, vom seinerzeit mit der Macht des Volkes überhaupt nicht zimperlichen Ex-Präsidenten Jugoslawiens schwärmt, verschluckt er ganze Worte vor lauter Begeisterung.

Grundstück ist verkauft

Aber zum Glück ist Dragan ja außerdem noch Monarchist. Und das ist das Entscheidende hier im Schatten der Stadtkirche. Denn der Kunststoff-König, dem der Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien huldigt, wird bald ein König ohne Königreich sein. Die Stadt hat das Grundstück, auf dem seit vielen Jahren neben dem Freiluft-Schachspiel auch viele Zuwanderer eine Art Nische gefunden haben, verkauft. Ein Investor will hier noch ein Café oder ein Bistro bauen.

Schachmatt also für einen der Offenbacher Orte, an denen Integration nicht an runden Tischen hergeleitet und statistisch ausgewertet werden muss, sondern einfach funktioniert?

Dragan interessiert sich nicht besonders für Integration. Er deutet in die Runde. Knapp 20 Männer sind an diesen Mittag hier. 18 sitzen, zwei stehen. Sie umkreisen kniehohe Schachfiguren wie Raubtiere die Beute. „Die kommen von überall her“, erklärt Dragan, der in den siebziger Jahren aus Jugoslawien nach Offenbach kam und eigentlich gar nicht Dragan heißt. Wie viele andere, die hier tagtäglich auftauchen, als hätte irgendein Chef das in irgendeinen Schichtplan eingetragen, geht er weder mit seinem echten Namen noch mit seinem Alter hausieren. Frau weg, gelernter Schlosser, jetzt arbeitslos, zwei Jahre bis zur Rente, mehr geht keinen was an, basta.

„Das hier ist unser Spaß, das soll niemand wegnehmen!“

Aber Nationalitäten sind ja keine Geheimnisse. Dragan zählt auf: „Da sind Ex-Jugos wie ich, Italiener, Pakistaner, Inder, ein Ukrainer, der Deutsche, was weiß ich noch alles. Den da nennen wir den Pekinesen, weiß nicht genau, woher der kommt. Und von dem Kleinen hier mit der Brille, von dem kenne ich nicht mal den Namen. Aber der ist Türke und aus Heusenstamm. Hey, wie heißt du eigentlich?“

Gelebte Integration? Dragan wirkt ehrlich verdutzt. „Von mir aus. Aber das hier ist unser Spaß, das soll niemand wegnehmen!“

Warum die Stadt das in den Boden eingelassene Brett nicht einfach drei oder fünf Meter verrücke, runter vom verscherbelten Grundstück und näher ran an diesen blauen Container, in der eine Autoschilderfirma auf Kundschaft von der Zulassungsstelle im Bürgerbüro schräg gegenüber wartet, will Dragan wissen. Und ob es vielleicht helfen würde, Unterschriften zu sammeln.

Würde es nicht. Verkauft ist verkauft. Aber es soll ein neues Schachbrett geben. Wann und vor allem wo genau, das ist noch nicht raus. Die Büros, die sich am Gestaltungswettbewerb für die Umgestaltung des kompletten Stadthof-Areals zwischen Berliner Straße und Frankfurter Straße, zwischen Herrnstraße und Haus der Wirtschaft beteiligen, haben nur den Auftrag, das Spiel der Könige wieder irgendwo sinnvoll zu integrieren.

Bei manchem, was zu hören ist, würde ein Fußballfan erröten

Für manchen „Königstreuen“ ist diese Aussicht ein schwacher bis gar kein Trost. Neuer Standort, neue Klientel, nicht mehr das Alte, das sei nicht gut, sagen einige, und Dragan sagt: „Ich sitze hier, seit Offenbach steht“. Da würde ihm ein paar hundert Meter weiter, wo im Haus der Stadtgeschichte Offenbachs Jahrhunderten nachzuforschen ist, zwar jeder Heimatkundler widersprechen. Aber es stimmt: Das Riesenschachbrett und mit ihm die Schachspieler am Stadthof sind nicht nur stofflich mit dem Areal verwachsen.

Und mal ehrlich: Eine Ecke müsste es für die Männer auch künftig sein. Die zwei, an warmen Abenden eher drei Dutzend Figurenschieber sind keine leise Gesellschaft. Diskutiert wird - auf Deutsch - Gott, die Welt und, falls es lange hell ist, auch mal der Teufel. Bei manchem, was zu hören ist, würde ein Fußballfan erröten.

Aber nichts ist böse gemeint. Das Glaubensbekenntnis der Stammgäste ist, dass ein Sommertag ohne Schach kein schöner Tag sein kann. Aufgesagt wie in der Kirche wird es nie. Aber es steckt in jedem dieser knappen, gebellten Befehle, mit denen die Zuschauer die Spieler bombardieren: „Springer auf weiß jetzt, mannmannmannmannmann!“ „Jetzt verlierst du wieder!“, „Aufgeben!“, „Neee!“, „Schach!“ „Idiot!“ „Tschuldigung!“

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