Plastikstück vom Fan-Glück

Offenbach ‐ Mühsam nähert sich Walter Kohlers Knie dem Betonboden der Haupttribüne. Mit der rechten Hand stützt er sich auf dem Gehstock ab, in der linken hält er einen Schraubenzieher. Das Knie schmerzt, das Laufen fällt dem OFC-Fan nicht mehr leicht. Von Barbara Hoven

Lesen Sie mehr zum Thema Stadion in unswerem Stadtgespräch.

Er ist jetzt 88. Aber einen Helfer mit jungen Knochen und Akkuschrauber holen, um sich sein Stück vom alten Stadion zu sichern, bevor es verschwindet ? So eine Niederlage kommt nicht in Frage! Block B, Reihe 10, Platz 1 und 2: Diese Sitze waren 40 Jahre lang ein Zuhause für Walter Kohler und seinen Kumpel Walter Hofferbert. Alle zwei Wochen jedenfalls, wenn die Kickers daheim auf dem Bieberer Berg spielten. „Seit 1930 kommen wir her und sind trotz aller Höhen und Tiefen geblieben“, erzählt Hofferbert. Er feiert in wenigen Wochen seinen 90. Geburtstag. Nur während des Krieges hätten sie sich aus den Augen verloren, obwohl sie zunächst sogar in einer Kompanie in Russland dienten. Hofferbert kam in Gefangenschaft, Kohler wurde verwundet.

Mehr Bilder aus dem Stadion

Heimwerker auf dem Bieberer Berg

Man ahnt bereits, wo sie sich wiedersahen: „Hier auf dem Berg, da drüben im Stehblock, sind wir uns Ende der 50er Jahre zufällig über den Weg gelaufen“, erzählen die Senioren und lachen. „Seitdem sitzen wir immer nebeneinander im Stadion und haben, wenn wir nicht gerade krank waren, kein Heimspiel verpasst.“

Natürlich besitzen beide eine Dauerkarte, dürfen gestern folglich ihre Sitzschalen kostenlos mitnehmen. Doch auch wer keine hat, geht nicht leer aus: Für 20 Euro können Nostalgiker unter den Kickers-Fans sich vor dem Abriss der Offenbach-Post-Tribüne einen der 3000 roten oder weißen Plastiksitze sichern. Der Aufriss ist gewaltig; Presseleute schwirren umher, stürzen sich für Fotos und schöne Sätze auf jeden, der mit Schraubenzieher und Sitzschale in der Hand von dannen ziehen will.

Ein Torxaufsatz T25 muss es sein

Trotz der Minusgrade sind das nicht wenige. Vor allem das männliche Geschlecht erfreut sich an der Gelegenheit, an diesem Sonntagnachmittag Abschied zu nehmen vom alten Stadion und nebenbei ganz greifbar zwei von des Mannes liebsten Hobbies zu vereinen: Fußball und Heimwerkern. Zumindest, was letzteres betrifft, ist das hier 1. Liga. Wer der Kickers-Homepage nicht vorab den Hinweis entnommen hat, „einen Torxaufsatz T25“ mitzubringen, hat kurzerhand den ganzen Werkzeugkasten samt Akkuschrauber mitgeschleppt.

Entladen muss sich indes nicht nur bei Fritz Illing - Block B, Reihe 16, Platz 3 - noch Fußballfrust vom Samstagabend. „Nach der Niederlage in der letzten Minute gegen Ahlen sind mir die Tränen gekommen“, sagt der 77-Jährige, der sich als „Ur-Fan“ bezeichnet. „Das war das Schlimmste, was passieren konnte.“ Seinen Anteil am alten Bieberer Berg demontiert er gestern natürlich trotzdem. Ist Ehrensache.

Doch was fängt man eigentlich an mit so einem Plastiksitz? Für die zwei Walters ist die Antwort klar: Die werden im Garten montiert, um immer drauf sitzen und an die schönen Zeiten auf dem Berg denken zu können, sagt Kohler. Hofferbert nickt: „Jetzt hoffen wir nur, dass wir lang genug leben, um auch im neuen Stadion noch nebeneinander zu sitzen.“

Rubriklistenbild: © Georg

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare