„Es fehlt an einer Vision“

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Vorzeigeprojekt oder fehl am Platz? Die Bebauung des Hafengeländes war Thema einer Podiumsdiskussion, zu der das Haus der Stadtgeschichte geladen hatte. Am Ende waren sich einige ratlose Besucher einig: Offenbach weiß nicht, was es will.

Offenbach - Die Probleme Hamburgs und Berlins mit denen Offenbachs auf eine Stufe zu stellen, hieße wohl Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Von Claus Wolfschlag

Das mochten manche Besucher in der einstigen Industriehalle an der Christian-Pleß-Straße gedacht haben, als sie die Podiumsdiskussion „Hamburg, Berlin, Offenbach? Stadtentwicklung und Gentrifizierung“ besuchten, zu der das Haus der Stadtgeschichte geladen hatte. Doch das Gespräch der vier Diskutanten über die neue Hafenbebauung verlief weitaus geerdeter und vernünftiger, als der großspurige Veranstaltungstitel hatte befürchten lassen. Markus Eichberger vom Stadtplanungsamt erläuterte erst die Planungen für das Hafenareal, die in drei zeitlich versetzte Bauabschnitte unterteilt sind. Erst für das Jahr 2020 ist eine Fertigstellung des Projekts anvisiert.

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Dann lenkte der als Moderator fungierende Journalist Claus-Jürgen Göpfert die Diskussion auf die Frage, ob da nicht ein austauschbares und abgeschottetes Luxusquartier entstehe, ähnlich dem Frankfurter Westhafen. Die zwischen Hamburg und Darmstadt pendelnde Stadtforscherin Monika Grubbauer gab zu bedenken, dass solide Architektur nicht unbedingt ausreiche, um auch Atmosphäre zu realisieren. Somit stelle sich die Frage, ob einige eingeflochtene Fragmente des Hafens, etwa der alte Kran, dazu reichten. Es bestehe die Gefahr der architektonischen Austauschbarkeit ohne Ortsbezug. Das Vergleichsprojekt Hamburger Hafen-City bewertete sie in diesem Zusammenhang kritisch und sagte erleichtert: „Immerhin haben sich in Offenbach keine Stararchitekten ausgelebt.“

Hafen das richtige Gebiet?

Auch der Offenbacher Filmemacher Jos Diegel kritisierte, dass zu viel des alten Hafengeländes verschwinden werde, wie der Lokschuppen. Eine Andockung von Hafen 2 und Neubau der Hochschule für Gestaltung wäre eine logische Lösung gewesen. Man hätte die Schule und den Kindergarten ein paar Meter verschoben planen können. HfG-Professor Kai Vöckler wiegelte ab: „Der Bestand hatte zu wenig Entwicklungspotenzial. Es ist gut, dass der Hafen 2 erhalten bleibt. Man sollte aber lieber nach vorn schauen.“ Atelierräume seien kostentechnisch in dem Gebiet nicht möglich, aber die Stadt biete ausreichend Stellen dafür.

Vöckler beschäftigte sich mit der Entwicklungsperspektive, die ins angrenzende Nordend hinüber strahle. Es gehe darum, der HfG eine Schnittstelle zur Öffentlichkeit zu ermöglichen, die Anbindung an die Nachbarschaft, damit kein abgeschotteter Campus entstehe. Vöckler sah kreative Verbindungslinien zur Heynefabrik und dem Nordend, in dem sich viele Kunstschaffende niedergelassen haben. Auch Eichberger erteilte zu viel Nostalgie eine Absage: „Man fragt sich schon, ob der Hafen das richtige Gebiet ist, um für Lücken in der Kreativ-Förderung herzuhalten. Da standen ja nur viele Silos und Schuppen.“

Als Diegel die Befürchtung kundtat, die Künstler könnten Prozesse auslösen, bei denen die „einfachen Bürger“ des Nordends verdrängt würden, dann Security patrouilliere und die Mieten exorbitant stiegen, signalisierte Eichberger, den Ball flach zu halten: „Unser Problem im Nordend ist eher, dass ein labiler Stadtteil mit hoher Fluktuation nicht weiter abdriftet. Daran wird mit runden Tischen und Quartiersmanagement gearbeitet.“

Kritik an mangelnder Bürgerbeteiligung

Nordend-Bewohner gaben sich im Publikum keine zu erkennen. Insofern glich die anschließende Bürgerdiskussion einem Streit um ein gar nicht anwesendes Objekt. Immerhin meldeten sich Offenbacher aus anderen Stadtteilen, kritisierten zu große Parkplatzplanungen, mangelnde Bürgerbeteiligung bei der Hafen-Planung, Verlust des „urigen Alleinstellungsmerkmals Offenbach“ und des Hellas-Ruderclubs, da eine neue Straße direkt durch das Vereins-Bootshaus geplant wurde.

Eichberger versuchte zu beschwichtigen: Möglichkeiten einer Bürgerbeteiligung über das gesetzlich normierte Verfahren habe es gegeben. Publikumsgast Oberbürgermeister Horst Schneider sagte, dass in Offenbach viel Bürgerbeteiligung stattfinde. „Allerdings reicht es nicht aus, sie immer nur zu fordern. Man muss auch konkrete Ideen vorschlagen – und diese müssen auf ihre Machbarkeit geprüft werden.“

Nach einer guten Stunde beendete Göpfert die Gesprächsrunde und ließ einige ratlose Besucher zurück. Einer äußerte im Gehen: „Es gibt ja Vorbilder, anhand derer man sehen kann, was funktioniert hat und was nicht. In Offenbach aber weiß man gar nicht, was man eigentlich will. Einerseits besserverdienende Zuzüge, andererseits doch nicht. Einerseits Gewerbe, andererseits wieder nicht. Einerseits Kreativviertel, dann doch nicht so. Es fehlt an einer Vision.“

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