Polit-Simulation nah an der Realität

Gemeinsame Suche nach Lösungen: Schillerschüler haben die heutige Stadtverordnetenversammlung simuliert.Foto: Georg

Offenbach - (ddü) Die Linke ist die stärkste Fraktion im Offenbacher Stadtparlament. Jedenfalls wenn es nach den Zehntklässlern der Schillerschule ginge. 130 Schüler simulierten von Montag bis Mittwoch den Parlamentsbetrieb der Stadtverordnetenversammlung, diskutierten Magistratsvorlagen, formulierten Änderungsanträge und stimmten über Mittelzuweisungen ab.

Dafür hatten sich die Nachwuchspolitiker in die jeweiligen Parteien gewählt, wobei die Abgeordnetenstärke nicht tatsächlichen Verhältnissen entsprach: Neben der Linken waren auch Grüne und Republikaner stärker als die großen Volksparteien.

„Mit einem solchen Planspiel lässt sich der politische Prozess viel besser vermitteln als durch reinen Frontalunterricht“, sagt Lehrer Martin Jung. „Die Schüler lernen, wie schwierig es ist, die eigenen Ziele durchzusetzen und Kompromisse auszuhandeln.“ Im Fach Gesellschaftslehre hatten sich die Zehntklässler in den vergangenen Wochen mit der Demokratie beschäftigt, sich mit der Geschäftsordnung der Stadtverordnetenversammlung auseinander gesetzt und Informationen über lokale Streitfragen gesammelt. Bei dem Planspiel wurden sie außerdem von Parteienvertretern unterstützt und vom Stadtverordnetenbüro mit Hintergrundwissen versorgt.

Auch wenn die Schüler nur Parlamentarier spielen - völlig losgelöst von der Realität ist die Simulation nicht: Mit dem Bebauungsplan „Hospiz am Lichtenplattenweg“, der Flohmarktordnung und dem Grundsatzbeschluss über die Verwendung der Mittel aus dem Konjunkturförderprogramm II beschäftigen sich die Schüler mit genau jenen Themen, die in der heutigen Stadtverordnetensitzung tatsächlich auf der Tagesordnung stehen.

Im Haupt- und Finanzausschuss prescht die Linke mit einem Vorschlag zum Flohmarkt vor: Anstatt eine private Firma mit der Organisation der Trödelmeile am Main zu betrauen, solle die Stadt doch einen eigenen Beamten dafür abstellen. „Der Betreiber ist der einzige Anbieter in der Region - so kann er uns einfach seine Preise diktieren“, argumentiert ein Abgeordneter. Die Lehrerin und SPD-Stadtverordnete Grete Steiner gibt zu bedenken, dass die Personaldecke im Rathaus sehr dünn sein - für die Organisation des Flohmarkts müsse jemand eingestellt werden: „Die Erlöse aus dem Markt sind nicht so hoch, als dass man davon eine neue Stelle finanzieren könnte.“ Ausschussvorsitzender André Veith leitet souverän die Diskussion, fordert schriftliche Änderungsanträge ein und drängt schließlich zur Abstimmung. Weil der Ausschuss sich zu keiner Empfehlung an das Parlament durchringen kann, wird der gesamte Vorgang am folgenden Tag noch einmal im Plenum diskutiert.

„Die Schüler sind sehr ernsthaft bei der Sache“, sagt Lehrer Martin Jung. „Sie plädieren leidenschaftlich für ihre Interessen, halten sich aber an die Regeln.“ Neben der Vermittlung von Fachwissen stünden bei dem Planspiel vor allem soziale Lernziele im Vordergrund. „Die Schüler lernen sich zu artikulieren, auf andere einzugehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“

Ob die Schüler zu den gleichen Ergebnissen kommen wie die „echten“ Parlamentarier, wird sich heute zeigen. Sie besuchen das parlamentarische Gipfeltreffen - natürlich von der Zuschauertribüne aus.

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