Dreistellige Überstundenberge und hohe Ausfallzeiten

Polizei in der Region chronisch überarbeitet

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Offenbach -  In der Region Offenbach liegt die Sicherheit der Bürger häufig in den Händen von chronisch überarbeiteten Polizisten. Diesen Schluss legt eine Statistik nahe, die jetzt das Innenministerium zur Entwicklung von Überstunden und Krankheitstagen vorgelegt hat. Von Michael Eschenauer

Die Zahlen liefern einen schonungslosen Einblick in die Arbeitssituation der Polizisten in der Region Offenbach. Demnach schieben die Beamten in der Polizeidirektion Offenbach, den dortigen beiden Polizeirevieren, den Regionalen Ermittlungsgruppen und den Polizeistationen und Posten in Mühlheim, Heusenstamm, Rodgau, Neu-Isenburg, Gravenbruch, Langen, Dietzenbach und Seligenstadt im Durchschnitt dreistellige Überstundenzahlen vor sich her. An der Spitze liegen die Regionale Ermittlungsgruppe West (199 Stunden pro Kopf), die Wachen Heusenstamm und Rodgau (191) und das 1. Polizeirevier Offenbach sowie die Wache Dietzenbach (185). Die Zahl der durchschnittlichen Krankheitstage pro Person lag 2016 bei den verschiedenen Wachen und Dienststellen zwischen 13 und 32 Tagen. Spitzenreiter hier: die Wache Neu-Isenburg und die Polizeidirektion Offenbach (32 Tage), die Wache Seligenstadt (29) und die Regionale Ermittlungsgruppe Offenbach (24). Im Schnitt ist ein bundesdeutscher Arbeitnehmer rund 15 Tage im Jahr krank. Nur zwei Polizeistationen liegen darunter.

Mit dem Zahlenmaterial reagiert das Innenministerium auf eine Kleine Anfrage der SPD-Abgeordneten Ulrike Alex, Corrado Di Benedetto und Heike Habermann. Die hohe Belastung, so die drei Politiker, sei der Unterbesetzung im Polizeidienst geschuldet. Jahrelang sei beim Personal gespart worden. Der Personalmangel habe auch zu tun mit der sich verschlechternden Attraktivität und der unzureichenden Besoldung des Polizeiberufs.

Polizeibeamte müssen belastbar sein

Der stellvertretende Personalratsvorsitzende des Polizeipräsidiums Südosthessen, Stefan Wagner, spricht von den Auswirkungen des seit der Regierung Roland Koch (CDU/1999 bis 2010) praktizierten Personalabbaus. Nun habe man endlich auf die dadurch geschaffenen Probleme reagiert. „Wir hoffen auf die Einstellungsoffensive durch das Innenministerium“, so Wagner. Allerdings werde es wohl erst ab 2020 zu spürbaren Entlastungen kommen. Erst danach sei der Personalbestand früherer Zeiten wieder erreicht. „Hinzu kommen aber neue personalintensive Felder wie Internetkriminalität und Terror.“ Speziell für die Stadt Offenbach sieht Wagner positive Auswirkungen auf die Arbeitssituation durch den geplanten Neubau des Polizeipräsidiums und neue Gebäude für das 1. und 2. Polizeirevier.

„Historischer Stellenzuwachs“

Innenminister Peter Beuth (CDU) spricht von einem „historischen Stellenzuwachs“, mit dem man in den kommenden drei Jahren den Personalbestand um mehr als 1000 Stellen landesweit verbessern werde. Hiervon profitiere auch die Region Offenbach. Der mit 1155 Anwärtern größte Ausbildungsjahrgang aller Zeiten bei der Polizei stehe ab 2020 für den Einsatz bereit. Außerdem habe das Land Hessen 2016 rund 15 Millionen Euro bereitgestellt, um Überstunden auszubezahlen. 13 Millionen seien abgerufen worden, die offenen zwei Millionen Euro würden in diesem Jahr fließen. Damit stünden 2017 für diesen Zweck 4,5 Millionen Euro bereit. Das Polizeipräsidium Südosthessen habe 2016 mit 1,68 Millionen Euro profitiert. Dabei habe man hier über 86.000 Überstunden ausbezahlt. Standen hier im Dezember 2015 noch 345.000 Überstunden zur Auszahlung bereit, waren es Ende 2016 noch 296.000.

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