Polizei lehnt bei Benzinklau Vordrucke ab

Offenbach - Der Tankstellenpächter schüttete beim Stammkunden sein Herz aus: Die Polizei weigere sich neuerdings, seine Anzeigen wegen Tankbetrugs entgegen zu nehmen, falls er kein Bild des Benzindiebs vorlegen könne. Ohne Bescheinigung aber bleibe er auf seinem Schaden sitzen. Von Thomas Kirstein

Und dann verlange die Polizei von ihm auch noch, er solle Sicherungen wie Videokameras oder gar Schranken einbauen.

Die Klage beruht auf einem wahren Kern. Wie aus einer unserer Zeitung vorliegenden internen Dienstanweisung der Südosthessen-Polizei hervorgeht, gibt es seit Anfang April eine neue „Regelung zur Bearbeitung des Tankbetrugs“.

Unterschrieben ist sie von Polizeipräsident Heinrich Bernhardt, der dieses „Top-Ten-Delikt“ zurückdrängen und die Aufklärungsquote steigern will. 2007 wurden in Stadt und Kreis Offenbach sowie im Main-Kinzig-Kreis 1701 Fälle registriert und davon 410 geklärt; 2008 waren es 1630 erfasste und 432 geklärte Fälle; 2009 sind es bis Anfang Mai 583 Fälle gewesen, 140 Benzindiebe wurden seitdem ermittelt.

Was Bernhardt verfügt hat - und was vom Tankstellenpächter als „keine Anzeige mehr ohne Bild“ interpretiert wurde - ist, dass als regelrechte, mehrseitige Strafanzeige nur noch solche Mitteilungen aufgenommen werden, „die auch einen substanziellen Tatverdacht (mit entspr. Beobachtungen) beinhalten“. Ansonsten wird nur noch ein „Lebenssachverhalt an die Staatsanwaltschaft durchgereicht“.

Weggeschickt werde aber niemand, betont Polizeisprecher Henry Faltin und erläutert, was hinter der Anweisung seines Chefs steckt: Tankstellenpächter, die nicht viel mehr angeben können, als dass ihnen eine gewisse Menge Sprit fehlt, werden mit der kurzen Mitteilung abgespeist, ihr Anliegen habe ein Aktenzeichen erhalten und sei an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden.

Kann sein, dass das ihren Vorlieferanten nicht reicht“, vermutet Faltin, „aber unsere Aufgabe ist es, Straftaten aufzuklären und nicht, Geschädigte mit kostenfreien Nachweiszettelchen für die Versicherung zu versorgen.“

Besonders trifft diese Regelung Tankstellenpächter in der Region, die es sich bislang besonders einfach gemacht haben: Laut Polizei kursiert in der Branche ein Vordruck, in dem nur noch Lücken des Textes gefüllt werden müssen - „am ... gg. Uhr stellte mein Angestellter ... fest, dass die ... Säule ... blockiert war, ohne dass ein Kunde diesen Kraftstoff bezahlt hatte. Es muss logischerweise ein Kunde getankt haben, ohne zu bezahlen...“

Mit ihrem neuen Vorgehen schränke die Polizei lediglich den Formalismus etwas ein, um ihrer eigentlichen Arbeit effizienter nachgehen zu können, sagt Faltin.

Zu dieser Arbeit gehören Vorbeugung und Beratung. Beim Polizeipräsidenten liest sich das so: „Durch die örtlich und sachlich zuständigen Ermittlungsgruppen ist eine stetige Kontakthaltung mit ihren örtlichen Tankstellenbetreibern bzw. Tankstellenpächtern zu gewährleisten.“ Das heißt, die Beamten sollen die Tankwarte überzeugen, dass sie beispielsweise mit Videoüberwachung oder gar Schrankenlösungen den Schaden durch Benzindiebe minimieren beziehungsweise die Chance erhöhen, dass diese geschnappt werden können.

Selbst die relativ einfache Videoüberwachung ist laut Henry Faltin noch nicht überall Standard. Es gebe da in Stadt und Kreis einige Kandidaten, die sich der Beratung verschlössen: „Wir müssen diejenigen, die über Wertgüter verfügen, in die Pflicht nehmen, dass sie es den Tätern nicht zu leicht machen. Offensichtlich investieren aber manche lieber Zeit ins Entwerfen von Vordrucken, als zu verhindern, dass ihnen Benzin gestohlen wird.“

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