Hoher Krankenstand

Polizei: Entlastung für überarbeitete Kollegen

Offenbach/Hanau - Das Polizeipräsidium Südosthessen zählt zu den hessischen Polizeibehörden mit dem höchsten Krankenstand. Von Carsten Müller 

Die Gewerkschaft meint, das könne am Vier-SchichtenModell liegen, das in Offenbach im Gegensatz zu allen anderen hessischen Präsidien immer noch vorherrscht.

Was die krankheitsbedingten Fehltage der Mitarbeiter angeht, schneidet das Polizeipräsidium Südosthessen (PPSOH) im Vergleich mit anderen hessischen Polizeibehörden relativ bescheiden ab. Mit einer Quote von 8,31 Prozent Fehltagen (Landesschnitt: 7,39 Prozent) liegt das PPSOH auf Platz vier der hessischen Dienststellen. Nur im Landeskriminalamt (8,5 Prozent), im Polizeipräsidium Mittelhessen (8,67 Prozent) sowie im Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung (9,12 Prozent) wurden im Jahr 2017 mehr Fehltage registriert (wir berichteten).

Die Entwicklung sei nicht überraschend und zum Teil hausgemacht, sagt dazu Markus Hüschenbett, stellvertretender Vorsitzender der Bezirksgruppe Südosthessen der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Eine mögliche Erklärung sei, dass das PPSOH anders als andere hessische Polizeipräsidien das Schichtmodell mit fünf Dienstgruppen noch nicht flächendeckend eingeführt habe – einzige Ausnahme sei die Polizeistation Hanau I. „Dadurch müssen die Kollegen in den Dienstgruppen verhältnismäßig mehr Nachtdienste leisten, was unzweifelhaft schlechter für die Gesundheit ist“, so der Personalrat.

In vielen Stationen fehle schlichtweg das Personal um eine fünfte Dienstgruppe einzuführen und somit für Entlastung zu sorgen. Den Kollegen mangele es aber auch an Mut, eine solche Personalstrategie anzustreben, weil oftmals schon der Betrieb mit vier Dienstgruppen angesichts begrenzter Personalversorgung nur mühsam aufrecht erhalten werden könne. Dabei zeigten die Kolleginnen und Kollegen durchaus Interesse am Fünf-Schicht-Konzept, berichtet Hüschenbett von einer Umfrage unter den GdP-Mitgliedern im Präsidium-Südost, auf die es insgesamt 78 überwiegend positive Rückmeldungen gegeben habe. Es gab aber auch ablehnende Stimmen, oft verknüpft mit dem Hinweis auf die bestehende Personalausstattung und bessere Planungssicherheit.

Die Schilderungen in den unserer Zeitung vorliegenden Antworten sind drastisch, die Wortwahl nicht minder. Die Rede ist von „Personalmisere“, „Überstundenberg“, „hoher Pro-Kopf-Belastung“ oder davon, dass das Präsidium personell „mit dem Rücken zur Wand stehe“ und über die Mindesteinsatzstärke hinaus „keine Reserven“ habe.

In allen anderen hessischen Polizeipräsidien sei die fünfte Dienstgruppe mit Ausnahme einzelner Polizeistationen längst üblich, berichtet Hüschenbett. Nicht nur die gesundheitlichen Aspekte verkürzter Dienstzeiten und längerer Erholungsphasen sprächen für das Modell. Das PPSOH könnte auch einen Standortnachteil gegenüber verkehrstechnisch besser angebundenen Präsidien wettmachen. Zusätzliche Kapazitäten für Sondereinsätze, beispielsweise in Fußballstadien oder bei Demonstration, für Kontrollen und die Bestreifung würden dadurch frei.

Polizeibeamte müssen belastbar sein

Henry Faltin, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen, sieht keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Fehlzeitenstand und dem Schichtenmodell. Das Fünf-Schicht-Modell sei nur bei größeren Dienststelen realisierbar. Ein wesentliches Kriterium sei das Votum der Belegschaft.

Polizeipräsident Roland Ullmann präferiere keins der beiden Modelle: Entscheidend seien für ihn die Schutzbelange der Bevölkerung und die Zufriedenheit der Belegschaft. Ein Standortnachteil sei angesichts einer Vielzahl von Bewerberinnen und Bewerbern nicht zu erkennen. Derzeit seien alle Stellen besetzt, im vergangenen Jahr habe man 27.000 Überstunden abgebaut. Inwieweit die Polizeidirektionen Offenbach und Main-Kinzig von dem angekündigten Personalzuwachs bis 2022 profitieren, werde zu gegebener Zeit vom Innenministerium bekannt gegeben, so Faltin.

„Wir begrüßen die Einstellungsoffensive der hessischen Landesregierung“, betonte Hüschenbett. Allerdings gingen in den nächsten Jahren einstellungsstarke Jahrgänge in den Ruhestand, die ebenfalls ersetzt werden müssten. Hinzu komme, dass sich die Anforderungen verändert hätten. Internetkriminalität oder Extremismusbekämpfung seien komplexe Arbeitsfelder, die entsprechend mehr Personal verlangten.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare