Das Modernste

Polizeipräsidium am Buchhügel seit Anfang August in Betrieb

Im Revier im Neubau wurden die beiden Offenbacher Stadtreviere zusammengeführt.
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Im Revier im Neubau wurden die beiden Offenbacher Stadtreviere zusammengeführt.

„Riesig“ ist wohl das Wort, das am häufigsten fällt, wenn man das neue Polizeipräsidium Südosthessen sieht. Schon die Zahlen imponieren: 200 Meter lang, 26 500 Quadratmeter Fassadenfläche, Rauminhalt wie 318 Einfamilienhäuser, rund 3 000 Fenster und 2 300 Türen wurden hier verbaut. „Es ist wirklich groß: An einem Tag bin ich hier drin schon zehn Kilometer gelaufen“, sagt Thomas Antl, Leiter des Erkennungsdienstes, und lacht.

Offenbach –Seit 1. August ist das Präsidium in Betrieb. Die bisher auf 50 Dienststellen verteilten 887 Mitarbeiter sind nun in dem Gebäude am Buchhügel mit seinen fünf Ober- und zwei Untergeschossen zusammengefasst. Dazu kommt noch weiteres Personal vom Bielefelder Gebäudeeigentümer Goldbeck: Das Land hat das in Privat-Public-Partnerschaft entstandene Gebäude auf 30 Jahre von Goldbeck gemietet.

Nüchtern, aber sicher: die Zellen.

Auch wenn die einzelnen Abteilungen modular aufgebaut sind, „von der Stange“ sind Räume und Einrichtung keineswegs: Alles wurde nach dem Bedarf der Polizei eigens angefertigt, manches Laborteil existiert in dieser Form nur in Offenbach. „Wir haben sehr genau nachgefragt, was welche Abteilung benötigt, um optimal arbeiten zu können“, sagt Kriminaloberrat Michael Schäffler, der seit 2004 den Neubau geplant hat.

Daten, Fakten etc.

Die Bauzeit samt Planung für das neue Polizeipräsidium dauerte 41 Monate. Allerdings ist die Diskussion um einen Neubau mehrere Jahrzehnte alt: Erst 2004 begann die Planung, 2015 sollten die Bauverträge mit dem Unternehmen Goldbeck, das als Sieger beim Ausschreibeverfahren hervorging, unterzeichnet werden. Die unterlegene Firma zog jedoch vor Gericht, was zu einer weiteren zweijährigen Verzögerung führte. 2018 erfolgte der erste Spatenstich für den rund 140 Millionen Euro teuren Neubau. 110 000 Kubikmeter Erde mussten bewegt werden, um, auf dem 36 990 Quadratmeter großen Grundstück das Gebäude mit seinen 1 241 Räumen zu errichten. Die schwarz-weiße Fassade soll laut Architekturbüro Dohle+Lohse an einen Barcode erinnern. Sämtliche Dachflächen sind begrünt oder mit Photovoltaik ausgestattet. In einem eigenen Polizei-Presse-Studio können vor Greenscreen Interviews oder Gesprächsrunden gefilmt werden. Die große Sporthalle kann auch zur Notunterbringung in Krisenfällen genutzt werden, für das Kampfsporttraining gibt es ein eigenes Dojo im Haus. Einmalig in Hessen ist der Empfangstresen im Eingang: Das Präsidium will sich bürgerfreundlich präsentieren. Im Falle eines Stromausfalls versorgt ein diesel-betriebenes System sämtliche Steckdosen im Haus drei Tage mit Strom. Für drei Jahre gilt der Vertrag mit dem Kölner Caterer Primus, der die Kantine betreibt. Im Hof gibt es eigene Diensthundezwinger, zum 1. Oktober wird erstmals eine Diensthundestaffel eingerichtet. In einem eigenen Bereich können bis zu 20 sichergestellte Fahrzeuge verwahrt werden.

Die extra gebauten Räume zum Trocknen von mit Blut gefleckten Beweisgegenständen etwa, unterteilt nach Opfer und Täter, existieren nur so in Offenbach. „Vorher hatten wir dafür nur zwei Schränke“, sagt Antl. Auch die Labore wurden eigens entworfen, um modernste Kriminaltechnik zu ermöglichen. Oder jene auf den ersten Blick unspektakuläre Garage: Ein darin abgestelltes Fahrzeug kann mit Cyanacrylat bedampft werden, um Fingerabdrücke sichern zu können. „Das gibt es außer in Offenbach nur noch beim BKA in Wiesbaden und beim LKA Kiel“, sagt Antl. Mit Blick auf die kriminaltechnischen Möglichkeiten habe sich das Präsidium Südosthessen „von der Raupe zum Schmetterling“ entwickelt.

Das Presse-Studio ist mit Greenscreen ausgestattet.

Hochmodern auch die Leitstelle, das Herzstück des Gebäudes: Auf einem riesigen Bildschirm sind nahezu in Echtzeit die Bewegungen und der Einsatzstatus aller Streifenwagen einzusehen. An acht Arbeitsplätzen, jeweils mit drei Spezialmonitoren versehen, die Tische elektronisch stufenlos höhenverstellbar, werden Notrufe entgegengenommen. Lichter über den Plätzen zeigen an, wie diese besetzt sind. Gerade nach der Kritik am Notrufgeschehen beim Attentat in Hanau sei nun alles daran gesetzt, dass im Präsidium alle Notrufe zusammenlaufen. „Sollten doch alle Plätze belegt sein mit Notrufen, werden die Anrufe weitergeleitet nach Frankfurt – wichtig ist, in der Leitung zu bleiben, der Anruf wird angenommen“, sagt Polizeisprecher Thomas Leipold.

Bei Bedarf, etwa einem Großereignis, kann der Polizeiführer vom Dienst eine Befehlsstelle mit 28 zusätzlichen Plätzen einrichten, dazu weitere Plätze für Feuerwehr und Rettungsdienste. Schallschutztüren verhindern, dass Lärm nach außen dringt und im Notfall Besprechungen stören würde. „Diese Türen gehörten zu den teuersten Teilen des ganzen Hauses“, sagt Schäffler.

In sämtlichen Bereichen wird viel mit Tageslicht gearbeitet, die Räume präsentieren sich hell und freundlich. Und barrierefrei: In den Aufzügen gibt es Ansagen, Brailleschrift ist überall zu finden, auf Stufen zwischen den Räumen wurde verzichtet. Im Zentralgewahrsam existiert sogar die einzige rollstuhlgerechte Zelle Hessens.

Die Kriminalaktensammlung, die bisher in Hanau angesiedelt war, ist nun im Neubau untergebracht.

Bisherige Schwachstellen der Sicherheit, etwa dass Anwälte ihren Mandanten unerlaubt etwas zustecken können, sind nun baulich gestopft: Anwalt und Mandant sitzen in verschiedenen räumen in der Gefangenensammelstelle, durch ein Fenster und Lautsprecher können sie sich unterhalten.

Alle Wünsche der südosthessischen Polizisten wurden freilich nicht erfüllt: Eine Schießanlage oder ein Schwimmbad wurden nicht genehmigt. Zum Schießtraining geht es wohl zur Polizei nach Frankfurt oder Hanau, ob auch private Anlagen wie die in der Hassia-Fabrik genutzt werden, werde geprüft. (Von Frank Sommer)

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