Polska-Techno und Polizei

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Im Offenbacher Hinterhof gibt es viel zu entdecken: Loimi Brautmann weiß, wo.

Loimi Brautmann liebt Offenbach. Der 29-Jährige ist einer der HfG-Kreativen, aber ein ganz besonderer. Der gebürtige Frankfurter ist mit acht Jahren nach Israel ausgewandert und – seiner Freundin wegen – nach Offenbach gekommen.

Dabei hat er die Lederstadt so sehr schätzen gelernt, dass er jetzt Stadt-Touren zur Polizei und in die polnische Disco anbietet. Sein Ziel: Neulingen zu zeigen, dass Offenbach mehr zu bieten hat als Leder und Betonbauten aus den 70ern. Was es dort zu entdecken gibt, verrät er im Interview mit Szene-Mitarbeiterin Leah Junck.

Kann man Offenbach so lieben wie New York, Tel-Aviv, oder eine andere Metropole?

Ich denke schon. Es gibt sozusagen die „Uroffenbächer“, die Lokalpatrioten die seit jeher ihren Stammplatz auf der Kickers-Tribüne haben. Denen liegt die Liebe zu Offenbach quasi im Blut. Bei den Zugezogenen ist das anders. Außer mir kenne ich nur eine Handvoll Leute die bereit sind, Offenbach eine Chance zu geben und sich hier selbst mal zu engagieren. Und all den anderen will ich mit meiner Tour die Vorurteile austreiben. Es gibt dieses spezielle Offenbach-Flair, finde ich. Das ist ein Gefühl, das man gar nicht richtig beschreiben kann. Weder richtig positiv, noch negativ. Und das will ich vermitteln.

Man hat hier auf der einen Seite das Provinzielle, das Übersichtliche, aber gleichzeitig auch Dinge die man eher einer Großstadt zuordnet. Viele kreative und aufgeschlossene Menschen zum Beispiel.

Was hat dich vor drei Jahren zurück in diese Gegend verschlagen?

Ich bin wegen einer Frau zurückgekehrt. Meine Freundin habe ich kennen gelernt, als ich bei meiner Schwester in der Gegend hier auf Besuch war. Gemeinsam sind wir dann zwei Jahre in Mittel,- Südamerika und Barcelona unterwegs gewesen. Es ist so: In Israel ist man verpflichtet, nach der Schule drei Jahre lang zum Militär zu gehen. Das habe auch ich gemacht.

Erst danach kommt das, was viele gleich nach dem Abitur machen: Ein Gap-Year. Herumreisen, die Welt und sich selbst entdecken. Meine Freundin und ich haben noch ein Jahr dran gehängt. Mit gesammelten Spenden haben wir in Guatemala eine Schule gebaut. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und ist wohl die Episode in meinem Leben, die ich am wenigsten missen möchte.

Danach sind wir nach Offenbach gezogen, weil ich an der HfG Visuelle Kommunikation studieren wollte, was ich seit drei Jahren mache.

Die Namensgebung deines Projektes, „Offenbach loves you“, lässt vermuten, dass auch du diese Stadt ins Herz geschlossen hast. Genug, um hier zu bleiben?

Ich habe erst auf den zweiten Blick gelernt, Offenbach zu lieben. Ich fühle mich hier wohl, aber der erste Blick auf Offenbach von einem Außenstehenden ist meiner Erfahrung nach erstmal schwierig zu verarbeiten. Man wird am Marktplatz von viel Beton aus den 70ern begrüßt und hat durch diesen Eindruck gleich Vorurteile. Es ist auf den ersten Blick einfach keine leichte, keine wunderschöne Stadt. Wenn man in Paris an den Champs-Élysées aus der Metro steigt, denkt man gleich: Wow! Das ist hier nicht der Fall. Nach einer Zeit von Leben und Suchen und Entdecken entpuppt Offenbach sich aber als etwas ganz Tolles. Mittlerweile kennen wir hier viele Leute aus verschiedenen gesellschaftlichen Richtungen.

Wohin es mich letzten Endes treibt, weiß ich aber noch nicht. Das liegt nicht an Offenbach, sondern eher an meiner Person und Tätigkeit.

Wie ist denn die Idee zu den Stadtführungen anderer Art entstanden?

Die sind bei einem Seminar an der Uni entstanden. Mein persönlicher Anspruch war es, eine Geschichte zu realisieren, die Leute zusammen bringt und Hemmschwellen überschreitet. Ich denke, ich habe einen Blick für das Andere, das Außergewöhnliche. Das wollte ich mit Leuten teilen, die einen kleinen Schubs brauchen, um neue Entdeckungen zu machen.

Einmal bin ich nachts um drei Uhr in Offenbach angekommen. Alles war schon zu, bis auf diesen türkischen Club am Marktplatz. Viele Leute hätten sich von dem ersten, nicht so einladenden Eindruck abschrecken lassen. Aber ich dachte mir, ich gehe einfach mal rein und schau mir das an. Drinnen hat mich aber etwas ganz Schönes erwartet, richtig tolle, gediegene Stimmung und Live Music im Folklore-Stil.

Meine Zielgruppe sind also vor allem die nicht-gebürtigen Offenbacher, Newcomer, die auf diese Art Unerwartetes erleben können.

Musik, Leder und Essen, warum diese Themenauswahl für die Tour?

Ich habe mir die Themen ausgesucht, die mir selbst nahe liegen. Dazu gehört natürlich auch das Nachtleben. Nach dem Motto: Turkey, Polska-Techno läuft die erste Tour. Wir schauen in Clubs verschiedener Kulturen rein, machen einen Abstecher bei der Polizeistation und lassen den Abend im MTW und Robert Johnson ausklingen. Esskultur ist eines der wenigen Themen, über das sich die meisten Leute einig sind. Auch die Leute die Multi-Kulti nicht so cool finden, essen Döner. Also ein guter Weg, Leute zusammen zu bringen.

Morgen und am 14. August werden auf dem Wochenmarkt lokale Spezialitäten probiert, und in der Mevlana Moschee gibt es dann leckeres türkisches Essen. Wir schauen uns auch noch eine türkische Bäckerei und die Mozzarella-Fabrik an.

Während der dritten Tour geht es um die Kreativwirtschaft, das Thema liegt mir besonders am Herzen. Da geht es nicht nur um die alte Industrie, sondern auch um alles Neue, das man darauf aufbauen kann. Darum werfen wir einen Blick auf Beides: Die kreative Vergangenheit Offenbachs und die Zukunft. Deshalb heißt diese Aktion „over lederindustries dead body“. Man darf sich das nicht als trockene Führung vorstellen. Es geht um das Zusammenkommen und das gemeinsame Erleben.

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