Porzellan zerschlagen

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Für jemanden, der es brauchen kann, eine wahre Fundgrube: Bevor der Bagger kam, war noch etliches Lufthansa-Geschirr in anständigem Zustand.

Offenbach - Das Ehepaar K.-W. erkennt „Behördenwahnsinn“. Ein Erlebnis auf dem Wertstoffhof des Stadtdienstleisters ESO hat das Vertrauen der Offenbacher in die Sinnhaftigkeit von Vorschriften erschüttert. Man kann sagen: Bei ihnen wurde viel Porzellan zerschlagen. Buchstäblich. Von Thomas Kirstein

Die beiden waren auf das Gelände an der Daimlerstraße gefahren, um Bauschutt abzuliefern. Das ging problemlos vonstatten. Dann aber erleben sie mit, wie andere Bürger von ESO-Mitarbeitern verbal zusammengefaltet werden. Andere Kunden, die ebenfalls Bauschutt gebracht hatten, sind der Versuchung erlegen, aus zwei großen, offen herum liegenden Haufen von Porzellangeschirr einige unbeschädigte Teller und Tassen zu klauben.

Das sei verboten, wird ihnen, nach Frau K.-W. Schilderung sehr barsch, beschieden. Bei dem Geschirr handele es sich um Eigentum des ESO, da habe man die Finger davon zu lassen. Es nutzt nichts, dass die Leute meinen, ihnen gehe es gerade nicht so gut und sie könnten die Teile gut gebrauchen. Die K.-W.s mischen sich ein - offenbar um die Diskussion abzukürzen, kommt ein Bagger und verarbeitet das aus Beständen der Lufthansa stammende Geschirr zu Scherben.

Damit hätte man ein ganzes Kinderheim ausstatten können, wir Deutschen sind doch so blöd und schmeißen alles weg“, beschwert sich Frau K.-W. Ihr Mann hat heimlich ein Foto vom Porzellanhaufen gemacht, obwohl der Wertstoff-Hüter geblafft habe, das Knipsen sei hier verboten.

Der ESO stärkt seinen Mitarbeitern den Rücken: „Korrekt gehandelt, das war das allgemein übliche Vorgehen“, erklärt Sprecher Christian Loose und liefert die Begründung: „Wir wollen und dürfen Gegenstände vom Wertstoffhof nicht herausgeben.“ Was dort abgegeben werde, falle unter die entsprechende Gesetzgebung, die solches regele. Zum einen könne die Suche nach Brauchbarem den Betriebsablauf stören, da dürfe auch ein großes Herz keine Ausnahme zulassen, sagt Loose: „Wenn einer kommt, kommen andere.“

Und der ESO-Sprecher gibt zu bedenken: „Was ist eigentlich ungefährlicher Abfall? Das im Einzelfall zu entscheiden, können wir unseren Mitarbeitern nicht überlassen.“ Er nennt das Beispiel Computer: Was wäre denn, wenn die noch mit Daten gefüllte Festplatte eines zur Vernichtung abgegebenen Computers in fremde Hände gerate? Wenn eine Weiterverwertung von ausgemusterten Dingen gewünscht sei, müsse der Eigentümer vorher die Initiative ergreifen.

Das mag für die Bürger alles unbefriedigend sein“, sagt Christian Loose, „wir sehen aber keine andere Chance.“ Ob das beim Ehepaar K.-W. die Scherben des Vertrauens wieder kittet?

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