Potenzial, das versauert

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Lernen im Starthaus: Jalal Hasan, Chantal Thannheiser und Marlena-Anna Kuzminska-Chrzan mit Kursleiter Holger Wenzl.

Offenbach ‐ Jalal Hasan hat in Syrien ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Zwei Jahre arbeitete er dort in einer Bank, ehe er vor zwölf Jahren aus seinem Heimatland wegen seines politischen Engagements flüchten musste. Von Niels Britsch

Er erhielt Asyl in Deutschland. Was er jedoch bis heute nicht bekommen hat, ist ein fester Job. Dabei ist der 46-Jährige gut qualifiziert: Neben dem abgeschlossenen Studium und Berufserfahrung spricht er Griechisch, Arabisch, Kurdisch, Türkisch, Englisch und Deutsch.

Wie Jalal Hasan geht es vielen hochqualifizierten Zuwanderern: Sie sind gebildet, verfügen über mehrjährige Berufserfahrung, sind arbeitswillig – aber sie finden trotzdem keine Anstellung. Stattdessen müssen sie sich mit Gelegenheitsjobs den Lebensunterhalt verdienen oder brauchen staatliche Hilfe.

„Wir haben hier Potenzial, das man versauern lässt“

„Hinsichtlich der Diskussion, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen, ist das doch sehr unverständlich“, sagt Andrea Egerer, Geschäftsführerin von Starthaus. Der Offenbacher Bildungsträger kümmert sich um die Aus- und Weiterbildung Arbeitsloser – ein Teil der Klientel sind Einwanderer. Eine aktuelle Studie sagte der Bundesrepublik einen erheblichen Mangel an Beschäftigten voraus, Experten fordern immer wieder die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.

„Wir haben hier Potenzial, das man versauern lässt“, ärgert sich Egerer und präsentiert eine lange Liste mit Beispielen: Da ist der Englisch- und Chemielehrer aus Äthiopien, der als Aushilfskraft in der Gastronomie arbeitet. Eine Bibliothekarin aus Russland hat vom Amt eine Umschulung in Lagerlogistik verordnet bekommen. „Das Problem ist, dass man die Leute in irgendwelche Kurse steckt und mit ihren Fähigkeiten nichts anfängt. So werden gut ausgebildete Menschen abqualifiziert“, sagt Egerer.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche sprechen zwar gut Deutsch, allerdings fehlen ihnen fachspezifische Kenntnisse, die sie allerdings bei der Arbeit erlernen könnten. Zudem werden viele Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt - je nach Bundesland aber unterschiedlich gehandhabt. Einige Betroffenen hätten aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe auch mit Vorurteilen zu kämpfen, glaubt Oliver Spoeck, Arbeitsvermittler bei Starthaus.

Firma muss Wahl begründen

Bei vielen ist es aber schlicht die Bürokratie, an der eine Festanstellung scheitert – wie bei Jalal Hasan. Als Flüchtling mit befristeter Aufenthaltserlaubnis bekam er zunächst keine Arbeitserlaubnis. Denn die gibt es nur, wenn auch ein Arbeitgeber vorher eine Einstellung zusagt. Da jedoch die Aufenthaltserlaubnis immer nur für sechs Monate gilt, bekommt Hasan eine solche Zusage nicht. Außerdem muss die Firma begründen, warum sie keinen Deutschen oder EU-Bürger einstellt.

2000 darf Hasan dann zwei Stunden täglich Aushilfstätigkeiten in der Gastronomie verrichten. Von 2003 bis 2006 hat er einen Vollzeitjob in einer Küche, dann wurde er arbeitslos, seit eineinhalb Jahren ist er Ein-Euro-Jobber.

Gern würde er wieder im Wirtschaftsbereich arbeiten. Doch die Arbeitsagentur beschied ihm, sein Schwerpunkt sei nun die Küche, da er dort zuletzt gearbeitet habe. Beim Starthaus glaubt man, die Behörde gebe sich gar nicht mehr die Mühe, ihn entsprechend seiner Qualifikation zu vermitteln. Dabei hat Hasan seit 2006 einen deutschen Pass.

Ein bürokratischer Teufelskreis

Bei solchen Geschichten von bürokratischen Hindernissen bei der Jobsuche schütteln die Starthaus-Mitarbeiter nur den Kopf. „Es gibt sogar Fälle, in denen die Betroffenen erst eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, wenn sie eine Arbeitsstelle vorweisen können, die gibt’s aber nur, wenn sie die Genehmigung haben“, weiß Holger Wenzl, Leiter eines Kurses für berufsbezogenes Deutsch. Die Jobsuche entwickelt sich für viele qualifizierte Einwanderer so zu einem bürokratischen Teufelskreis.

Auch Chantal Thannheiser und Marlena-Anna Kuzminska-Chrzan haben erfolgreich studiert und verfügen über Berufserfahrung mit anspruchvollen Tätigkeiten. Sie sind der Liebe wegen nach Deutschland gekommen und haben hier geheiratet.

Philippinin Thannheiser war 16 Jahre Chefsekretärin bei renommierten Firmen in Saudi-Arabien. Sie spricht Englisch, Deutsch, Arabisch und Spanisch. Ihre Fähigkeiten sind hier bisher nicht gefragt, stattdessen arbeitete sie als Hotel-Zimmermädchen.

Die Polin Kuzminska-Chrzan hat Finanz- und Bankwesen studiert, sie war Leiterin der medizinischen Abteilung an der Warschauer Universität und verfügt über acht Jahre Berufserfahrung in der Verwaltung. Auch sie kam eines Mannes wegen nach Deutschland, einen Job bekam sie bislang allerdings nur als Aushilfe in einer Caféteria. Sie würde gerne als Immobilienmaklerin arbeiten: „Aber es ist überhaupt schon schwer, einen Praktikumsplatz zu bekommen“.

„Es gibt viele hoffnungsvolle Zuwanderer, Menschen mit hervorragenden Kenntnissen und Fähigkeiten. Man muss nur die vorhandenen Kenntnisse fördern, stattdessen wird das Potenzial verschwendet“, ärgert sich Holger Wenzl über die Ämter. Und Andrea Egerer betont: „Das sind alles Leute, die arbeiten wollen, ihnen wird es nur verwehrt.“

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