Waldheims kleine Erlösergemeinde

Prägende Impulse von innen heraus

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So klein sie auch sein mag, zu einer protestantischen Gemeinde gehört der Posaunenchor. so wie hier in der Waldheimer Erlöserkirche. Deren Zentrum (unten) ist mit seiner Holzbauweise eine Besonderheit.

Der Wunsch nach Zuteilwerden des Heils spiegelt sich auch in der Benennung christlicher, meist evangelischer Gemeinden. In Deutschland gibt es zig protestantische Erlöserkirchen. Eine der kleinsten Gemeinden dieses Namens dürfte sich in einem Offenbach Stadtteil finden. Von Harald H. Richter

Waldheims Erlösergemeinde zählt 640 Glieder und ist damit die kleinste evangelische Einheit in Offenbach. Eine weitere Besonderheit: Seit zwei Jahren hat die Kirche in Waldheim keinen eigenen Pfarrer mehr, steckt aber voller Lebendigkeit und setzt generationenübergreifend Hoffnungszeichen. Daheim ist sie am Bischofsheimer Weg in einer 2004 neu errichteten architektonischen Besonderheit; das als Gemeindehaus und Kindertagesstätte genutzte Ensemble ist vollständig in Holzständerbauweise erstellt. Die mannshohe Stellwand neben dem Altar hat etwas Symbolisches: Zahlreiche Puzzleteilchen sind aufgeklebt mit Fotomotiven aus dem gemeindlichen Leben. Sie setzen sich zu einem großen Ganzen zusammen, das in der Mitte Raum lässt für das Spiegelbild des Betrachters und ihm die Möglichkeit eröffnet zu entscheiden, an welcher Stelle er sich in diese Gemeinschaft einbringen möchte.

Montags zum Beispiel, da treffen sich die Senioren. Dienstags sind unter anderem der Kinderchor von Annette Bigalke und die Jugendgruppe an der Reihe, am frühen Mittwochabend probt der bereits 15 Jahre bestehende Posaunenchor unter Nadine Wagners Leitung, hinterher der Flötenkreis. Der meditativen Bewegungslehre Tai Chi & Qi Gong wird donnerstags nachgegangen, freitags steht im Gemeindezentrum am Bischofsheimer Weg die Kochgruppe am Herd, um himmlische Genüsse auf Tisch und Teller zu zaubern. Im Februar beginnt ein neuer Yoga-Kurs, außerdem existiert ein Tanzkreis, und kleine Bastelmäuse beweisen in der Kinderstunde Fingerfertigkeit.

„Das ist längst nicht alles“, betont Ingrid Awad, die kürzlich wiedergewählte Vorsitzende des Gemeindevorstands, und lacht: „Das Leben in unserem Zentrum ist noch vielfältiger, zumal es auch durch den Kindergarten bereichert wird.“ In der von Nadine Hess geleiteten Einrichtung wachsen derzeit etwa 45 Kinder heran. Sie kommen großenteils aus Waldheim, aber auch aus der Siedlung Rote Warte der Stadt Mühlheim, die kirchenrechtlich der Erlösergemeinde zugeordnet ist.

Das Gemeindeleben erfährt starke Impulse von innen heraus, zumal die Waldheimer gewissermaßen kopflos sind. Als vor zwei Jahren Pfarrer Hinnerk Müller in den Ruhestand ging, gab es keine Neubesetzung der Stelle. Inzwischen wird die evangelische Erlösergemeinde durch die Pfarrerinnen Amina Bruch-Cincar (Gustav-Adolf-Gemeinde Bürgel) und Kirsten Lippek beziehungsweise Ute Seibert (Schlossgemeinde Rumpenheim) seel-

sorgerisch mitbetreut. „Unser ehemaliger Pfarrer Müller hält hin und wieder die Predigt“, freut sich Ingrid Awad. Auch im Familiengottesdienst mit Krippenspiel an Heiligabend ist das der Fall, denn da sind die Pfarrerinnen in ihren eigenen Gemeinden gefordert. Viel Warmherzigkeit wird innerhalb der kleinen Gemeinde spürbar. Man möchte sagen, es geht wohltuend familiär zu. Das zeigt sich unter anderem sonntags, etwa wenn die ehrenamtliche Küsterin Christiane Weingärtner am Eingang zur Kirche steht und die eintreffenden Gottesdienstbesucher freundlich begrüßt.

„Wir sind beileibe kein geschlossener Kreis, sondern offen für jeden, der zu uns kommt“, betont Awad. Dennoch stellt die Kirchenvorstandsvorsitzende bedauernd fest, dass aus dem Neubaugebiet An den Eichen, das ebenfalls zum Gebiet der Erlösergemeinde zählt, kaum ein Bewohner herüberkommt. „Offenbar ist die Mühlheimer Straße doch eine trennende Magistrale.“ Daran ändern auch die Bemühungen des ehrenamtlichen Besuchsdienstes wenig, Verbindungslinien zu möglichst jedem Haus herzustellen. Hier engagiert sich besonders Edeltraud Hennig, ebenso wie Awad langjährig im Vorstand tätig, sucht Gemeindeglieder über 70 daheim auf, um zu gratulieren oder Menschen, die kaum noch aus dem Haus kommen, ein Gespräch anzubieten. Ein Beitrag, um mögliche Vereinsamung zu verhindern.

Auch der jungen Generation möchte die Erlösergemeinde Halt und Orientierung bieten, was nicht einfach ist, zumal es dieses Jahr nur zwei Konfirmanden gibt. „Für eine eigene Gruppe zu wenig“, räumt Awad ein. „Also müssen unsere Jahrgänge abwechselnd nach Bürgel oder Rumpenheim gehen.“ Dennoch ist es gelungen, Heranwachsende auch nach der Konfirmation in ihrer Freizeit in Waldheim zu halten. Mit den Jahren hat sich eine Jugendgruppe stabilisiert, zu der etwa zehn bis zwölf Teenager gehören, für die Erzieherin Sylvia Rossigno-Brauburger Angebote entwickelt.

Um Zusammenhalt bemüht, wird alle zwei Monate ein Gemeindebrief herausgegeben, dafür zeichnet Ingrid Awad verantwortlich. Donnerstags ist Redaktionssitzung. Dem fünfköpfigen Team geht es nicht nur darum, die nächsten Veranstaltungen und Gottesdienste anzukündigen oder zu berichten, wie gut besucht das vorige Gemeindefest gewesen ist. „Wir möchten unterschiedliche Themen aufgreifen, einen inhaltlichen Diskurs darüber anregen, dabei stets nah bei den Menschen am Ort bleiben“, unterstreicht Awad den Anspruch. Solches Bemühen trägt Früchte, schafft Identifikation. Dies mag erklären, warum die Erlösergemeinde bei Vorstandswahlen mit über 30 Prozent die höchste Wahlbeteiligung aller evangelischen Kirchen in Offenbach erzielt und auch damit ein Hoffnungszeichen gesetzt hat.

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