Präsidentielle Visionen

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Auch ein IHK-Präsident darf träumen: Alfred Clouth beim IHK-Empfang.

Offenbach ‐ Schöne Vision: Die Hafeninsel entwickelt sich zu einem Zentrum der Kreativwirtschaft; das neue Wohn- und Büroviertel am Wasser lockt eine kaufkräftige Mittelschicht nach Offenbach; am umgestalteten Marktplatz siedeln sich hochwertiger Einzelhandel und exklusive Gastronomie an. Von Denis Düttmann

Eine Konzertreihe „Mozart meets Jazz“ läuft dem Schleswig-Holstein-Musik-Festival den Rang ab; der Weltverband der Kalligraphen verlegt seine Jahrestagung nach Offenbach; die Unternehmen profitieren von gut ausgebildeten und mehrsprachigen Migranten; die Stadt legt einen ausgeglichenen Haushalt vor und baut Schulden ab. Kein Politträumer hat das entwickelt, sondern ein Mann der Wirtschaft. Alfred Clouth, Lackfirmenchef und Präsident der Industrie- und Handelskammer, präsentierte seine Phantasien dem politischen Offenbach, das fast komplett zum Neujahrsempfang der FDP im Bücherturm angetreten war.

„Wenn uns später bei einem Glas Wein eine zündende Idee kommt, können wir sofort eine beschlussfähige Magistratssitzung eröffnen“, scherzte Stadtrat und FDP-Vorsitzender Paul-Gerhard Weiß zur Begrüßung. „Einen interfraktionellen Antrag dürften wir auch hinkriegen.“ Traditionell versteht die FDP ihren Neujahrsempfang nicht als geschlossene Veranstaltung der Partei, sondern als Podium und Austauschplattform für die Bürger der Stadt.

Fraktionschef warnt vor „mentaler Standortfalle“

Und so drängten sich neben aktiven und ehemaligen Politikern auch Vertreter der Kirchen und sozialen Organisationen, Unternehmer und Vereinsvorsitzende vor Buffet und Bar in der Stadtbücherei.

Von Gastredner Clouth bekamen sie jedoch nicht nur schöne Zukunftsträume zu hören. Der IHK-Präsident widmete sich in seinem Gastvortrag zudem der Frage, wo Offenbach derzeit steht. „Auch im zweiten Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise bleibt es hart, und es bedarf der Anstrengung aller, die Herausforderungen zu meistern“, sagte Clouth. Laut jüngster IHK-Umfrage bewerten noch immer 60 Prozent der Unternehmen ihre Situation als schlecht, der aktuelle Konjunkturindex erreicht gerade mal knapp 90 von 200 Punkten.

In solchen Zeiten müsse sich Offenbach seiner Stärken bewusst werden, forderte der IHK-Präsident. Die Stadt verfüge über eine gute Lage mitten im Rhein-Main-Gebiet, Deutschland und Europa und mit dem Frankfurter Flughafen über eine hervorragende Anbindung an den Rest der Welt. Trotz zentraler Lage mitten in einer Metropolregion sei Offenbach eine Stadt der kurzen Wege. Zudem habe sich im Umfeld der renommierten Hochschule für Gestaltung eine lebendige Kreativszene etabliert.

Oliver Stirböck, der Fraktionschef der Liberalen, warnte vor einer „mentalen Standortfalle“ und forderte einen mutigen Blick nach vorn. Man dürfe nicht die angeblich guten alten Zeiten glorifizieren und immer nur die Probleme in den Vordergrund stellen. „Jammern ist noch kein politisches Konzept und Offenbach viel besser als sein Ruf“, mahnte Stirböck. Nur mit einer klaren Schwerpunktsetzung könne die Stadt den Strukturwandel und die Wirtschaftskrise meistern. Sich und seine Mit-Liberalen pries er als „Garanten dafür, dass Bildung die absolute Priorität der Offenbacher Kommunalpolitik bleibt“.

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