Präventionstag zu Sucht, Gewalt, Verkehr

Enges Netz gegen das Abgleiten

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Sucht hat viele Gesichter, Jugendliche sind für die Reize mitunter besonders empfänglich. Wie man der Krake entkommen kann, tanzt das People’s Theater im Ringcenter.

Offenbach - „Hey, schau mal, die Lena ist voll besoffen – und das schon morgens. “ In der Tat: Die Schülerin torkelt, setzt mühsam einen Fuß vor den anderen. Ihre Klassenkameraden johlen. Von Martin Kuhn

So oder so ähnlich spielt es sich nahezu täglich ab – in Schwalbach, in Rüsselsheim, in Offenbach. Dort ist es gestern nur Spiel. Die junge Dame hat nichts getrunken, sondern eine sogenannte Rauschbrille übergestreift. Es ist eine von vielen Aktionen anlässlich des sechsten Offenbacher Präventionstags am Ringcenter.

Auch Murat hat’s versucht und ist grandios am Slalomparcours gescheitert. „Krass. Mir ist voll schwindlig.“ Und ein Mitschüler ist nach einer Runde Rauschbrille überzeugt: „Ich hab’ Kopfschmerzen, echt!“ Wie gesagt, alles eher harmlos. Leider sieht die Realität oft anders aus: Das statistische Bundesamt registriert allein für 2011 mehr als 26 000 junge Leute im Alter von zehn bis 20 Jahren, die wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.

Ob Prävention, wie sie am und im Einkaufstempel vorbildlich und intensiv betrieben wird, da etwas bewirkt, ist objektiv nicht zu messen. Wie auch? Aber einig sind sich alle Beteiligten: „Es schadet nicht.“ Zudem ist das Präventionsnetz in Offenbach. eng geknüpft „A und O ist die Zusammenarbeit der einzelnen Institutionen“, so Georg Grebner, Leiter des 1. Polizeireviers am Mathildenplatz. Heute gebe es gewisse Vorbehalte nicht mehr beziehungsweise kaum noch, die zwischen Ordnungshütern und Sozialarbeitern vor Jahrzehnten noch als unüberbrückbar gegolten hätten.

Starke Klamotten und Posen

Das liegt vielleicht auch im weiten Feld von Sucht und Suchtgefahr. Zigaretten, Drogen, Spielautomaten, Internet, Gewalt – es ist ein weites Feld, in dem sich anfällige Jugendliche und Erwachsene in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit verlieren können. Das People’s Theater vermittelt im Einkaufszentrum tänzerisch, wie den Dämonen (Darsteller in schwarzen Pullovern und weißen Masken!) Hasch, Alkohol, Kokain und Ecstasy zu begegnen ist. Sie bringen den Jugendlichen soziale Kompetenzen und Strategien zur Konfliktbewältigung nahe, ohne den Zeigefinger zu erheben. Gesprächsrunden ergänzen das alles.

Beim Gewinnspiel sind Geschenkgutscheine des Ringcenters von bis zu 150 Euro zu gewinnen, die Jugendverkehrsschule baut einen Fahrradparcours für die Jüngsten auf, die Verkehrswacht demonstriert die Wucht eines Autoaufpralls, der Boxclub Nordend zeigt kurze Boxtrainingseinheiten. Wie man einer Anmache begegnet, zeigen Geschwister-Scholl-Schüler in kleinen Rollenspielen in einem OVB-Bus. Die Medienetage des Jugendamts lädt ein zu Aktionen zur Mediennutzung und Identität im digitalen Raum. Kinder und Jugendliche lassen sich von „Stark“ in starken Klamotten und in starken Posen fotografieren.

Felix Schwenke rät zur offiziellen Eröffnung: „Ausprobieren und schlau machen“, wobei der Stadtrat selbstverständlich die Angebote zur Vorbeugung und Aufklärung meint. Aber wie steht’s denn um den Erfolg der wahrlich breit gefächerten Angebote? Bewirken sie etwas? „Die Jugendlichen, die wir erreichen, haben einen Erkenntnisgewinn“, formuliert es Mechthild Rau, Vorsitzende des Suchthilfezentrums Wildhof. Hehre Worte... „Es wird niemand als Drogenkonsument oder Dealer geboren“, ergänzt ihr Nachbar und befürwortet die Erhaltung aller Jugend-, Sozial- und Präventionsprojekte in Offenbach,  „die nahezu geräuschlos laufen“; erfolgreich zwar, aber objektiv nicht messbar.

Mechthild Rau fügt hinzu: „Es geht nicht, das Thema Prävention nicht zu besetzen in einer Großstadt wie Offenbach.“ Bei geringer werdenden Zuschüssen ein schwieriges Unterfangen. „Wir müssen die Kräfte bündeln für ein vernünftiges Angebot“, so Rau. Und für die stets klamme Stadt muss Schwenke ergänzen: „Bis 2022 gibt es kein zusätzliches Geld.“

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