Prall voll mit Exponaten

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Wolfgang Scheer ist Schatzmeister des Vereins „Technikfreunde Rohrmühle“: An der Zählerschautafel ist deutlich der Wandel zu erkenne, den die Messinstrumente hinter sich haben.

Offenbach ‐ Offenbach hat Museen, von denen man in Japan, in Kalifornien und sogar in Frankfurt weiß. Aber selbst in Offenbach ist nur wenig bekannt, dass es ein Technikmuseum gibt – klein und bescheiden, aber prall gefüllt mit Exponaten, die Kennern als Schätze gelten. Von Lothar R. Braun

Veteranen der alten Stadtwerke und der späteren Energieversorgung Offenbach (EVO) haben es an der Mühlheimer Straße eingerichtet, im 1923 entstandenen einstigen Umspannwerk Rohrmühle. Technische Geräte illustrieren dort mehr als 100 Jahre Geschichte der Offenbacher Versorgung mit Energie. Aus dem Jahr 1903 stammt das älteste Stück, ein Gleichstromzähler. Man kann Münzzähler sehen, die es bis zum Zweiten Weltkrieg gab. Ältere Betrachter werden sich erinnern an diese Geräte, die erst nach dem Einwurf einer Münze eine begrenzte Menge Gas oder Strom freigaben. Gasmünzen kaufte man damals beim Kolonialwarenhändler.

Zähler standen denn auch am Anfang des Sammelns. Der Rentner Wolfgang Scheer ist Schatzmeister des Vereins „Technikfreunde Rohrmühle“. Er erzählt, wie in den Achtzigern immer mehr alte Gerätschaften durch modernere ersetzt wurden. Irgendwann fiel es einem der Kollegen auf: „Da sind so schöne Zähler dabei, die kann man doch nicht einfach fortwerfen!“

Drehschalter zeigen, wie man das Licht anknipste.

So begann das Sammeln, Pflegen und Verwahren. Und wer etwas sammelt, dem wird zugereicht. Begeisterung steckt an. Sie ließ die Unternehmensleitung nicht unberührt. 1995 reichten die Bestände bereits für eine Ausstellung anlässlich der Eröffnung der Galerie im Turm auf dem EVO-Gelände an der Andréstraße. Das Unternehmen unterstützte die Sammler. 1996 überließ es ihnen Räume, die im Umspannwerk Rohrmühle nicht mehr genutzt wurden.

Der Verein besteht aus Männern, und das sind in der Regel ergraute Rentner. Ihr Museum hält sie auf Trab. Bei ihnen gewähren Transformatoren und Regler Einblick in ihr Innenleben. Messgeräte in tragbaren Holzkoffern erzählen von der Kindheit der Technik. Drehschalter zeigen, wie man das Licht anknipste. Aber nicht jeder hatte schon elektrisches Licht in den 1920er Jahren. Vergilbende Netzpläne zeigen, wer schon Stromanschluss hatte, in Offenbach und in Kreisgemeinden.

Was die Männer zusammengetragen haben, war einmal Teil ihrer Arbeitswelt, einst alltäglich, heute rührende Erinnerung: Zeiger, die nicht mehr ausschlagen. Regler, die nichts mehr zu regeln haben. Ventile, die nicht mehr zischen. Reste aus der Technik des alten Kraftwerks. Telefonanlagen und Betriebs-Tagebücher mit Gebrauchsspuren. Was dem Laien als Schrott erscheinen mag, wird wie Kostbares behandelt. Die Technikfreunde haben es vor dem Verschrotten bewahrt und ausgebreitet in quellender Fülle.

Dieter Nagel ist der stellvertretende Vorsitzende des Rohrmühle-Vereins. „Das hier stand bei der Firma Loos in der Sprendlinger Landstraße, das da ist vom Goethering.“ Alles hat eine Geschichte. Vieles habe man, sagt Nagel, aus dem ehemaligen Werk Offenbach des Hoechst-Konzerns retten können.

Mühle soll Speiseöl und Öl produziert haben

Scheer erscheint der Standort Rohrmühle als guter Ort für das Bewahren von Vergangenheit. Die Gegend an der Mühlheimer Straße hat ihre eigene Historie. „Im Rohr“ hieß das Gelände, als es noch ein sumpfiger Wiesengrund war, der Rest eines alten Mainarms. Die Mühle, die dort stand, soll Speiseöl und Öl für die Lampen produziert haben.

Allerdings scheint es, als werde dieses Museum keine lange Zukunft mehr haben. Die EVO erwäge den Verkauf des Geländes, in den nächsten Jahren, sagen die Sammler. Noch allerdings freuen sie sich über Besucher, zu denen auch Schulklassen gehören. Führungen kann man mit Wolfgang Scheer vereinbaren unter Tel. 06104 921023.

Was wird, wenn die Rohrmühle tatsächlich verloren geht? „Das steht in den Sternen“, sagt Scheer ratlos. Für einen Moment erlischt in seinen Augen das Feuer der Begeisterung, mit der er eben noch erläuterte, wie man früher an Freileitungen Stromstärken gemessen hat.

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