Zwei Plätze für edle Damen

Großherzogin Alice (1843-1878)

Offenbach - Darmstadts Juwel ist die Mathildenhöhe mit ihrem Jugendstilensemble. Der Name erinnert an eine hessische Großherzogin, die auch in Offenbach Ehrung erfuhr. Von Lothar R. Braun

Zwar nicht so glänzend wie in Darmstadt, dafür mit gleich drei Benennungen, die einem ganzen Stadtquartier den Namen aufprägten: Mathildenplatz, Mathildenstraße und Mathildenschule. Die Namen erinnern an die im Jahr 1813 als Prinzessin Mathilde Karoline von Bayern geborene Tochter des Bayernkönigs Ludwig I. Seit 1833 war sie verheiratet mit dem hessischen Landesfürsten Ludwig III. Sie starb 1862, in jenem Jahr, in dem in Offenbach der Mathildenplatz angelegt wurde.

Damals lag der Platz allerdings noch auf freiem Gelände. Erst am Ende der 1870er Jahre begann ringsherum die Bebauung. Leben und Bedeutung erlangte der Platz in der Mitte der 1880er Jahre. 1884 endeten dort die Gleise der Frankfurt-Offenbacher Straßenbahn. Bis 1906 war deren Endstation der Mathildenplatz. Erst danach wurde die Linie bis zum Alten Friedhof verlängert. Im Jahr darauf bezog am Mathildenplatz die Kunstgewerbeschule ein neues Haus. Sie trug später die Namen Technische Lehranstalten, Meisterschule und Werkkunstschule, bevor daraus die heute staatliche Hochschule für Gestaltung wurde. Als Technische Lehranstalten vereinte das Institut eine Maschinenbau-, eine Bau- und eine Kunstgewerbeschule. 1913 bezog es den noch heute genutzten Gebäudekomplex an der Schlossstraße.

Etwa zeitgleich mit der Geschichte des Platzes beginnt auch jene der Mathildenstraße. Sie trug ursprünglich den Namen Steinheimer Straße und war Teil eines alten Handelswegs zwischen Frankfurt und Nürnberg. Eine Etappe im heutigen Offenbacher Stadtgebiet hält mit dem Namen Geleitsstraße die Erinnerung an den alten Verkehrsweg wach. Zum Schmuckstück der Mathildenstraße wurde die 1905 eingeweihte Mathildenschule. Mit zwei Turnhallen, jeweils für Knaben und Mädchen, war sie die größte Schule der Stadt. Zeitgenossen hielten sie zudem für die schönste. Wer heute davor steht, sieht freilich nicht mehr die Schule von 1905. Ein Neubau wurde erforderlich, als in den 1970er Jahren aufgetretene Bodensenkungen zu erheblichen Bauschäden führten. Das Uhrtürmchen, das einst die alte Mathildenschule schmückte, ziert heute die Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt im Hainbachtal.

Großherzogin Alice: Kämpferin für Frauenrechte

Populärer als die Prinzessin Mathilde war im alten Offenbach jene Fürstin, an die der Aliceplatz erinnert. Großherzogin Alice (1843-1878) war eine Tochter der britischen Königin Victoria. Ansehen genoss sie vor allem durch ihre Aktivitäten in der nichtkirchlichen Krankenpflege und durch ihr Eintreten für Frauenrechte. Sie hinterließ bleibende Spuren: 1872 brachte sie in Darmstadt die erste „Generalversammlung deutscher Frauen- und Erwerbsvereine“ zustande. Sie ebnete Frauen den Weg zu beruflicher Arbeit unter anderem bei der Post und der Eisenbahn.

Mit der als Frauenrechtlerin bekannten Schriftstellerin Luise Büchner, einer Schwester des revolutionären Dichters Georg Büchner, gründete die Großherzogin den Alice-Frauenverein für Kranken- und Armenpflege, der später auch ein eigenes Hospital betrieb. Der Verein erlangte Bekanntheit durch sein Bemühen, verbesserte Hygiene in der Pflegearbeit einzuführen.

Und noch mehr historische Spuren führen uns zur Großherzogin Alice: Die als Königliche Hoheit anzuredende Feministin war die Mutter des letzten hessischen Großherzogs Ernst Ludwig (1868-1937). Dass eine ihrer Töchter als Zarin Alexandra von Russland 1918 samt ihren Kindern und dem Zaren selbst von Bolschewisten ermordet wurde, das hat sie nicht mehr erleben müssen.

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